“I am my own witness. I know it.”

Bild: tiff.net

Schreibt der etwa vierzigjährige namenlose Protagonist (Fadi Abi Samra) in arabischer Schrift. Zeuge wovon? Ist er selbst vielleicht sogar Täter? Meint er den Unfall, dessen Zeuge er wurde, und deren Opfer er nicht rechtzeitig aus dem Auto gezogen hat bevor es in Flammen aufging? Verschanzt er sich deswegen in einem Hotelzimmer einen Monat lang und möchte von niemandem gestört werden? Schreibt er, laut ihm Sänger, an seinen Memoiren, oder doch an    Liedtexten?

Eigentlich... ist das für „The Mountain“ überhaupt nicht relevant. Denn bei den Worten „Ich bin mein eigener Zeuge“ fühlte ich mich ertappt: Dabei wie ich Einstellungslängen zählte. Der Zuschauer wird also Zeuge seines eigenen, voyeuristischen Blickes auf den Film. Und bekommt diesen von der Leinwand direkt zurückgeworfen. Mit voller Absicht lässt der Film sich alle Zeit, das Publikum denken zu lassen, was es will. Ob es sich nun langweilt dabei und in der Nase popelt, während die Kamera geschlagene zwei Minuten lang auf den Rücken des Mannes hält, der da gerade versucht zu schlafen.

Oder ob es sich faszinieren lässt von der experimentellen Herangehensweise Ghassan Salhabs. Jedenfalls bezeichnet das Programmheft den Film als Experiment mit dem Noir-Genre. Aber Schwarz-Weiß bedeutet nicht unbedingt gleich Noir-Tradition oder Neo-Noir. Für einen noir ist der Film nicht düster genug, zu wenig Crime oder Mord oder Femme fatale. Und die Neo-Noir-Ästhetik zum Beispiel eines Sin City ist einfach hiermit nicht zu vergleichen.

Schwarzweiß-Film scheint dieser Tage wieder aufzuleben: so zum Beispiel auch „The Artist“ dieses Jahr, eine liebevolle Hommage an die 20er Jahre. Eine Hommage scheint mir auch „The Mountain“ zu sein, aber sicherlich nicht ans Noir-Genre, sondern vielmehr an eine Zeit zwischen Renoir und Welles, in der Mise en scène, Kadrierung, Tiefenschärfe und Einstellung eine größere Rolle spielten als die Montage. Der Ton auf ein Minimum reduziert, Musik höchstens intradiegetisch vom Handy des Protagonisten, ist man gezwungen sich alleinig aufs Bild zu konzentrieren. Eins, zwei, drei... dreißig Sekunden lang... und bewegt sich der Schauspieler aus der Kadrierung heraus, rutscht die Kamera erst einige Sekunden später nach. Ein Spiel mit unseren Sehgewohnheiten, das Regisseur und Cutter hier vollziehen: der Fingerzeig auf die Leere im Türrahmen, wo wir gewohnt sind zentriert eine Figur zu finden.

Der bewusst selbstreferentielle Umgang mit diesen tradierten Darstellungsweisen und auch das Bewusstsein dafür, dass das Mainstream-Publikum es nicht verstehen wird, ist, was den Film zum Experiment macht. Das Erschaffen von Neuem durch  Rückgriff auf Altes, das Ausloten des Blickes, das Spiel mit der Langeweile, mit scheinbar endlosen Nahaufnahmen – Stilmittel Ghassan Salhabs, die „The Mountain“ reizvoll machen, wenn man lässt. 

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