Carré Blanc: Interessant.


Interessant. Was genau bedeutet das, wenn man es sagt? Wenn etwas „interessant“ ist, sollte es erst mal: interessieren. Interessant... aus dem Lateinischen: inter esse. Zwischen etwas sein. Dazwischen, das könnte heißen, teilnehmen an etwas. Wenn man teilnimmt, ist Interesse vorausgesetzt.  Oder dazwischen, im Sinn von, man hat sich noch keine Meinung gebildet. Also... es ist im derzeitigen Meinungsbefund weder gut, noch schlecht, aber eben interessant. Bedeutet folglich: das Objekt hat, subjektiv betrachtet, irgendwas.


Auch nach Betrachten einiger Filme ist das manchmal der erste Gedanke - man weiß noch nicht so recht - was sagt man also? Interessant. Klug aus der Affäre ziehen kann man sich so, vielleicht auch erst mal anhören, was der Andere so sagt, warten auf Impulse oder nachwirkende Nachwirkungen. Jetzt komme ich also gerade vom „Carré Blanc“-Screening des tiffs und bin gezwungen mich zu fragen: Was denke ich jetzt?!

Ein düsteres Bild einer distopischen sci-fi Welt zeichnet der französische Regisseur Jean-Baptiste Léonetti hier, verglichen wird es mit Kafka und Orwell. Der Film ist Teil des „Vanguard“-Programms des Festivals, das junge Filme und ihre Macher vertritt, die sich was trauen und provozieren wollen.
Ziemlich grau ist der Film jedenfalls, und braun, Farben die die drückende Stimmung des Filmes untermalen. Aufgenommen in langen Einstellungen, ein langsamer Film, und geredet wird auch nicht besonders viel. Die ersten zehn Minuten jedenfalls so gut wie gar nicht. Was jedoch ständig präsent ist in dieser zukünftigen Welt, Jahr unbekannt, ist die ständige Lautsprecherstimme, die entweder rückwärts zählt:
Foto: negativ-film.de

„Beim vierten Piep sind wir noch genau soundsovielemillionen sounsovielhunderttausend sechshundertundsiebzig“, „Wie wäre es damit, heute ein Kind zu zeugen?“, oder „Krocket ist ein sehr familiärer Sport, aber auch gleichzeitig physisch!“ Krocket und Kinderzeugung als Sport für die noch gebliebenen Massen. Das fand schon die Herzkönigin in Alice im Wunderland super. Ab mit dem Kopf!

Stimmen, die mahnen, was zu tun ist, „das Lächeln nicht vergessen“! Der Protagonist (Sami Bouajila), einst Kind dieser komischen Carré Blanc Vereinigung, oder was genau das jetzt sein mag, verlor seine Mutter, als sie sich umbrachte. Sie verließ ihn mit den Worten, er wird künftig sich verstellen müssen. Und zwar richtig! Er soll besser werden als die anderen, stärker sogar. Und das wird er, nachdem ein Mädchen, das später seine Frau (Julie Gayet) wird, ihn vor dem Selbstmord rettet. Sein Job im Erwachsenenalter: Menschen, annehmlich Bewerber, Tests zu unterziehen. Es handelt sich dabei um gemeine, erniedrigende, schmerzhafte Prüfungen, die aber lösbar wären. Nur angesichts seiner Autorität und der Sinnlosigkeit der Aufgaben kommt niemand auf die Idee. So fickt er alle, wie Mami es ihm beigebracht hat, nur seine Frau, die nicht so richtig. Denn sie möchte nichts sehnlicher als ein Kind, er will es aber nicht in eine solche Welt gebären. Ein Satz, den man heute schon manchmal zu hören bekommt. Dass es aber auch andere Regimes gibt und gab und wer weiß, vielleicht sogar geben wird, schwingt bei solchen Überlegungen selten mit.

Und seine Frau hasst ihn für das, was aus ihm geworden ist, hasst alles an ihm, wie er lächelt, vor allem aber, dass sie kein Kind bekommen. Ausbrechen aber lässt er sie nicht, und auch sie selbst kann es nicht – ist sie doch nach Fortgang seiner Mutter sein einziger Halt.

Was nun halten von diesem Film? Ich kann es immer noch nicht wirklich beantworten. Als ich aber eben vor dem Kino an einer Ampel stand und sie anfing zu piepen und mit mir zu reden, bin ich erschrocken. Interessant...

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