Gestern
wurde von der German Films einberufenen Jury beschlossen, Wim Wenders "Pina" als
Oscarkandidat ins Rennen um den Preis des besten Dokumentarfilms zu schicken.
Die Begründung der Jury: " 'Pina' ist ein filmisches
Gesamtkunstwerk, das Tanz, Musik und Film harmonisch zusammenfügt und dabei
über das Dokumentarische weit hinauswächst. Der Film vermittelt eine sinnliche
Erfahrung von Tanz und ist ein ausgezeichnetes Porträt einer großen deutschen
Künstlerin."
Und
tatsächlich kann bei dem Film von weitaus mehr als Dokumentation gesprochen
werden – er ist Kunst. Seit 25 Jahren hatten Wenders und Pina Bausch, Tänzerin
und vor allem Choreographin, die Idee eines gemeinsamen Filmes. Doch, so
Wenders, wusste er nicht, wie. Bis er die 3D-Verfilmung von einem Konzert der
Band U2 sah und wusste: Das ist die Technik, die dem Schaffen Pinas Ehre
gebühren wird. Als noch Camerons „Avatar“ den Weg geebnet hatte für etliche 3D-Produktionen,
schien der Collabo endgültig nichts im weg zustehen, doch Pina Bausch starb
plötzlich.
Wim
Wenders wollte die Produktion einstellen, denn „ein Film über Pina, ihre Sicht
der Dinge und Menschen, schien nicht möglich ohne Pina.“ Wer letztendlich
überzeugte, die Dreharbeiten trotzdem fortzuführen, waren die Tänzer selbst.
Und so sind sie es, die Pina Bausch und ihr Wesen im Film aufleben und vor
allem weiterleben lassen. „Es ist, als sei sie ein Teil von uns“, sagt eine
Tänzerin, und das merkt man in jeder Minute.
„Pina“
ist kein Dokumentarfilm im klassischen Sinne. Biographische Eckdaten und
Stationen spielen keine Rolle, es gibt keine Handlung, und auch Pina selbst
wird nur wenig gezeigt. Aber wie einen Menschen besser zeigen als durch seine
Passion? Charakteristisch für Pinas Arbeit war, den Tänzern weniger
Instruktionen zu geben als vielmehr das herauszuholen, was in ihnen steckt. Sie
durchschaute die Menschen, heißt es. Und stellte Fragen. Immer Fragen, die die
Tänzer an ihre Grenzen stoßen und ihre Antworten in Expression geben ließen.
„Dance for love“, sagte sie, und ebenso choreographierte sie. Ihre Stücke
handeln von Liebe, Einsamkeit, aber auch die vier Elemente waren großer
Bestandteil ihrer Inspiration. Selbst der größte Tanzlaie kommt nicht umhin,
dies auf der Leinwand zu spüren, die Leidenschaft, die Dynamik, und ist
ergriffen. Denn mit Tanz ist es ein bisschen wie mit moderner Kunst, man muss
nicht immer unbedingt mit dem Kopf verstehen, wenn die Emotionen greifen.
So
wechselt der Film zwischen Ausschnitten bekannter Aufführungen Bauschs wie
„Café Müller“, in dem sich die Tänzerinnen mit geschlossenen Augen bewegen und
Outdoor-Aufnahmen einiger der Tänzer, gedreht in Wuppertal, wo Bauschs
„Tanztheater“ sässig war. Auch kurze komödiantische Szenen lassen sich finden,
die ein bisschen was vom „Kino der Attraktionen“-Charakter haben. Und
dazwischen Porträtaufnahmen fast aller Tänzer, Voice-Over in Gedanken und
Gedenken an Pina.
Hinzu kommt
die brillante 3D-Technik, in der der Film gedreht wurde. Hier wird nichts
vorgeführt, wie in sonstigen Mainstream-Produktionen, es fliegt nichts um die
Ohren. Fragil zeigt sich ein Vorhang, Körper und Möbel werden plastisch, doch
niemals aufdringlich. Der Film erreicht eine Nähe, die dem Zuschauer bei
Betrachtung einer Aufführung auf der Bühne niemals möglich gewesen wäre. Und 3D
erreicht endlich Kunstwert.
„Pina
hätte das so gewollt, glaube ich“, konstituiert Wenders. Mit Sicherheit hätte
sie das.
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