Liebe, Romantik, Cholera

Man kennt das ja: Zuhause steht ein Regal mit Büchern. Von den Eltern oder allen möglichen Seiten der Familie zusammengetragen, alte Bücher, mit abgegriffenen Einbänden, gelben Seiten, braun und rot und gold betitelt auf dem Buchrücken.
Und man nimmt sich immer vor, sie zu lesen, besonders die ganz dicken, mit den kleinen Buchstaben! Dann klingen die Titel wie „Vom Winde verweht“ oder „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ einfach doch zu kitschig und müssen studentischer Fachliteratur weichen... oder ihren Verfilmungen. Was mir bei zweitens genannten Buch entgangen ist, kann ich also nicht beurteilen. Was ich aber zusätzlich noch versäumt habe: mich 2007 auf Kinostarts zu konzentrieren und den Film anzuschauen.

Und ehrlich, ich möchte jetzt keine großartige Filmkritik dazu liefern. Sondern vielmehr für ein paar Minuten die Zeit anhalten, um einigen wunderschönen Gedanken des Films Raum zu lassen, die wie es manchmal scheint, langsam in Vergessenheit geraten. Denn Romantik, Warten, ein Leben lang! Briefe! Sterben wollen für die Liebe! Sie heiratet, er wartet fünfzig Jahre bis der Neue stirbt, schläft mit hunderten Frauen aber: W-A-R-T-E-T. Innerlich!!!

Für etwas,  auf etwas, das laut ihr, Illusion war. „Well, not for me.“, sagt er. Denn jeder lebt in seiner eigenen Realität. Und ist Liebe nicht auch immer Illusion? Jeder der sich mit Liebe schon mal auseinander, besser: zusammengesetzt hat, weiß das: anfängliche Überhöhung des Anderen, der Moment in dem man sagt „für immer!“ um es dann doch zu revidieren – die Magie des Moments, die sich im Nachhinein als verschämtes Eingeständnis der Fehleinschätzung entpuppen muss.

Das gemeine an solchen Filmen ist, dass sie selbst stärkste Realistenherzen erweichen (und ich selbst bin ja noch nicht mal einer, das macht es schlimmer!) und den niederträchtigen, tief sitzenden Glauben nähren, der in den Köpfen unzähliger kleiner Mädchen/Disneyprinzessinnen gesät wurde: es gibt die eine spezielle Person für den Rest deines Lebens! Und ich bestreite das für viele Fälle auch gar nicht, allen Statistiken zum Trotz. Denn was Glauben letztlich stark macht, ist der Glaube an sich. Law of attraction, sagt man.

Das traurige daran ist aber eigentlich, wie es oftmals scheint, dass diese Dinge heute nicht mehr zelebriert werden. Romantik und Leidenschaft und so. Zu häufig geht es um das Oberflächliche, und nicht die Essenz. Um Schreiben in einer blau-weiß-bunten-wer-bist-du-aber-eigentlich-lern-ich-dich-eh-nie-kennen (man beachte den Unterschied zwischen kennenlernen und kennen...lernen), und noch öfter um jemand Ab-Schreiben, denn da sind wir ganz groß drin. Dass diese Geschichte von dem Mann, der fünfzig Jahre wartet und so schöne Briefe schreiben kann, nicht realistisch ist, das weiß ich selbst. Aber wäre es nicht möglich, das Unrealistische ein bisschen häufiger in die Realität zu holen? Fürs erste vielleicht jeder in seine eigene Realität?
Los, schreibt Briefe und Gedichte und parfümiert sie ein und lasst sie zufällig an der richtigen Stelle fallen! Macht große Worte und schert euch nicht drum! Von Blumen an die Mädchen ganz zu schweigen! Schmalzt rum was das Zeug hält, danken wird es euch am Ende: Eure Seele. Und schlechter wird der Sex davon bestimmt auch nicht.

Und für alle Verliebten – ob glücklich oder unglücklich, frisch oder verwitwet, ist „Love in the time of Cholera“ der richtige Film, immer und zu jeder Zeit. Ihr werdet heulen. Versprochen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen