| Bild: http://neunzehn80.de/2011/03/04/facebook-like-button-mal-anders/ |
Was
wäre unser Ego nur ohne Facebook. Soeben sah ich die neue Frisur sowie
Haarfarbe einer Bekannten mit sage und schreibe 111 Kommentaren. Ich war
geplättet. Was mag sich hinter einer solchen Zahl wohl geistreiches verbergen?
– fragte ich mich und klickte neugierig auf „see more“. Gimme gimme more? Hätte
ich es mal lieber gelassen und mich mit wirklich wichtigen Dingen beschäftigt,
die ich aber ja sowieso aufschiebe, weil Facebook immer was von mir will. Beim
Überfliegen der Kommentare also, nennen wir es ein einige Minuten währendes
Selbstexperiment -wie lange wird mein Intellekt wohl aushalten, bis es
schreiend sich abwendet, zur Beruhigungszigarette und zum französischen
Drehbuchlektorat greift? – lernte ich soeben, dass Kommentar auch mit „Kommi“
abgekürzt werden kann und fand das äußerst fesch.
Nun,
dass Facebook-Geposte ebenso wie Kommentiere eine einzige große
Selbstbeweihräucherung ist, ist nichts Neues. Mit jedem Like ein Egoboost für
dein Gesicht, deine Titten, deine neuen Schuhe, deine Originalität und
wohlüberlegte Individualität, deinen Esprit, deinen Witz, deine Meinung. Viel
Raum für dosierte überlegene Überlegungen oder etwa Philosophisches ist da
nicht, geht ja sowieso unter zwischen Everyday-Bullshit arbeitender Menschen,
die keine Lust haben oder ähnlichem, ja, mittlerweile geht es sogar schon
soweit, dass geschrieben wird „Oh ich habe Lust etwas zu posten aber ich weiß
grad nicht was, haha!“
Ja,
haha. Und wir alle lesen mit. Millionen Trillionen von Terrabytes an Scheiße
und Kloake in den Kanalisationen meiner Gehirnwindungen. Ich kann nicht mal was
dafür! Ich überfliege das Gepostete in der Hoffnung auf etwas zu stoßen, das
mir wirklich mal gefällt! Interessante Info von einem Mitmenschen, mit dem ich
nichts zu tun habe, her damit! Damit ich es im Chat gleich dem nächstbesten
kopieren kann! Stattdessen ein Post mehr über das Wetter oder die Katze. Ja,
unter meinen Freunden befindet sich eine Katzenfreundin/-fanatikerin. Ich weiß
jetzt, dass ihre Katze in ihrer Heimatstadt viel leichter ist als die, die sie
in ihre neue Stadt mitgenommen hat. Warum ich mir das merke?? Warum ich das
überhaupt lese?? Einerseits ist es natürlich eine gewisse Neugier, die einen
vom Blockieren abhält. Das ist wie bei einem Autounfall. Wir voyeuristische,
schaulustige Scheißmeute! Mit großen Augen betrachten wir diese geistige
Massenkarambolage und stehen aber nur dabei und gaffen weiter.
Wobei,
ab und zu mache ich mir einen kleinen Spaß draus und kommentiere ein bisschen
frech von links. Vielleicht auch rechts. Ganz nach Laune. Mit Ironie ein wenig
Salz in die Wunde, zur eigenen Belustigung, versteht ja sowieso keiner, außer
die eine gemeinsame Freundin, die kichernd meinen Kommentar likt. Womit wir
unserer eigenen Erhabenheit fröhnen und uns imaginär High-Five über die Köpfe
der Anderen hinweg geben. Das mit den Kommentar-Likes nimmt, davon sprechend,
aber auch seltsame Eigendynamik an. Man betrachte erwähnte, in der Zwischenzeit
117, Frisuren-Kommentare. Jeder Kommentar ein Treffer. Oooooh soooo
hüüüüüpschiiiiii Herzchen Herzchen Herzchen Zwinker Zwinker! Hab dich lieb! Essentiell und unerlässlich ist
bei solchen Kommentargefechten auf jeden Fall, ungeschriebenes Facebook-Gesetz:
der letzte Kommentar gefällt. Grundsätzlich! Die eins am Ende des Verlaufs
markiert selbiges Ende.
Gleich laufe ich Amok und fange einfach mal
an, bei allem „Gefällt mir“ zu drücken. Schade nur, dass niemand es verstehen
wird. Oder es mir noch krumm nehmen könnte. Der Grat zwischen Bosheit, Hinterfotzigkeit
und zwinkernder Ironie, zwischen ernst und (sich) zu ernst nehmen, zwischen
Gefallen und Gefallsucht, zwischen Ton, Unter-, Überton, Verständnis von Humor,
scheint mitunter ein schmaler. Wer das jetzt verstanden hat, gibt mir einfach
mal Low Five.

