Freud im Kino: Eine dunkle Begierde?


Große Namen sind es, mit denen neuester Streifen aus dem Hause Cronenberg lockt: Jung (Michael Fassbender), Spielrein (Keira Knightley), und vor allem Freud (Viggo Mortensen). Was erwartet man sich also, wenn man in einen solchen Film geht? In erster Linie wohl, und dafür sind Filme ja schließlich da, Unterhaltung. Und dann vielleicht, eben gerade hier: Erkenntnisse, neue Denkansätze, Psychologie!

Oder zumindest Einblicke in das Leben des Menschen, der die Psychoanalyse begründete, dem Drogenexzesse nachgesagt werden und der so unheimlich viele Begriffe prägte.
Wider Erwarten aber werden in „Eine dunkle Begierde“, wo es doch gerade um Psychoanalyse gehen sollte, die Figuren erstaunlich wenig psychologisiert. Und eigentlich geht es auch gar nicht um Freud, sondern nur um Jung. Jung, anfangs von Freud als Träger seines Vermächtnisses betrachtet, entwickelt sich immer mehr zum Mystiker, wird gezeichnet als Faustfigur, die wissen möchte „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Durch seinen Drang, psychoanalytische Grenzen auszuloten und der Psyche Irrationalem nachzugehen, spaltet sich einstige innige Trennung Jungs und Freuds.

Nebenbei, und das wohl mit dem Titel auch das vermeintliche Thema des Films, beginnt er eine Affäre mit seiner Patientin Sabina Spielrein. Doch wer meint, an dieser Stelle mehr über Triebe, Begierden oder Dränge zu erfahren, liegt falsch. Einzig der propagierte Zusammenhang von Sexual- und Todestrieb wird aufgerollt und an der seltsam-neurotischen Beziehung von Jung und Spielrein klar: die Dekonstruktion der eigenen Individualität im Akt und in Verschmelzung beider. Wer jetzt aber glaubt, er bekäme dunkle Begierde und Sex präsentiert, liegt wieder: falsch.

Der freudsche Begriff, der wohl noch am meisten zum Tragen kommt (neben ein klein bisschen Traumdeutung am Rande), bleibt dahingegen unerwähnt . Geradezu offensichtlich spielt sich zwischen „Vater“ Freud und „Sohn“ Jung ein Ödipuskomplex ab. Jung möchte (wie) Freud sein, stellt seine Autorität in Frage, freundschaftliche Rivalität steht stets im Raum. Überwindung dessen, Versöhnung und Koexistenz aufgrund des späten Eintritts und des übergroßen „Ichs“ sind aber scheinbar hinfällig.


Freudrezeption oder das Erkennen freudscher Muster im Film fällt der Filmwissenschaft eigentlich unglaublich leicht. Gerade im expliziten Wiederaufgriff aber scheint die Intermedialität den Kürzeren zu ziehen. Wobei: eigentlich liest sich der Film wie Freud. Ein bisschen zäh, ein bisschen langweilig. Nur bleibt das Klingeln im Kopf, das Anstreichen einiger Passagen und das Erkennen leider aus. Libido-Fail, sozusagen. Wie man stattdessen eineinhalb Stunden seiner Zeit sinnvoll investieren kann? Sich mit Freuds „Abriss der Psychoanalyse“ ins Bett kuscheln. 

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