Der neue Almodóvar - "The Skin I live in"


Wenn Menschen zwei Block (oder auch insgesamt fünf Ecken) ums Kino Schlange stehen und am Eingang Banderas grinst, dann heißt das: Premiere des neuen Almodóvar-Films. Denn Almodóvar, das ist It-Synonym für „Ich schaue Arthouse-Kino und bin voll Anti-Mainstream“. Gefüllte Kinosäle weltweit können aber nicht täuschen, denn Pedro Almodóvar ist Garant für gute und vor allem andersartige Unterhaltung.

Andersartig, weil der Spanier es für gewöhnlich schafft, auch schwere Themen mit einer gewissen Leichtigkeit und ironischem Unterton zu vermitteln. Transgendering und menschliche Randgruppen sind vornehmlich Themen, mit denen er arbeitet. In seinem neuen, in Cannes schon viel gerühmten Film „The Skin I live in“ (La piel que habito), kommt dem noch eine Prise Science-Fiction hinzu. Düsterer ist er, perverser sogar, als üblich, verlauten einige Stimmen. Robert Ledgard (Antonio Banderas) ist Chirurg, seit dem tragischen Unfall seiner Frau, bei dem sie bis zur Unkenntlichkeit verbrannte und sich ob der Verbrennungen das Leben nahm, versessen darauf, eine bessere, widerstandsfähigere Haut genetisch herzustellen. Er gibt vor, sein neues Verfahren an Mäusen zu testen, was er aber verbirgt ist, dass er in seinem High-Tech-überwachten Haus die ominöse Schönheit Vera (Elena Anaya) eingesperrt hält.

Was Verlust geliebter Menschen mit uns machen kann, in welche Abgründe die Trauer führen kann, ist Thema des Films. Denn auch seine Tochter verliert Ledgard, die, psychisch gestört, letztlich aus dem Fenster springt, gleich ihrer Mutter. Eiskalt und mit schwarzem Humor getränkt gibt Banderas den Arzt, der sich am vermeintlichen Vergewaltiger seiner Tochter rächen will und aus dem Versuch heraus seine eigene Gebrochenheit zu kompensieren, das Ebenbild seiner gestorbenen Frau aufrecht erhält.

Doch wer ist sie? Und warum hält er sie gefangen? Was ist das für ein seltsames Spiel von Beobachtung, sich beobachten lassen, Voyeurismus? Sado-Masochismus vielleicht sogar? Warum versucht Vera sich immer wieder zu töten? Und wo zur Hölle kommt auf einmal der Tiger her? Es wäre kein Almodóvar-Film, wenn sich nicht einige Plot-Twists finden ließen. Verraten sei vorab nur soviel: natürlich scheitert Ledgard. Denn aus seiner Haut heraus, Überwinden, das kann er nicht.



Im Kino ab 20.10.2011

„Das sind meine Juden!“



Ruft Leopold Socha (Robewrt Wieckiewicz) den staunenden Passanten zu, die gerade Zeuge werden, wie ein blasser und verdreckter Mensch nach dem Anderen aus dem Gully nach oben gezogen wird. „Seine Juden“, das sind ein dutzend, derer Leben er rettete, indem er sie versteckte in den Kanälen Lvovs. Vierzehn Monate „In Darkness“, so gleichnamiger Film von Agnieszka Holland, der gestern Weltpremiere auf dem tiff in Toronto feierte.


Schindlers Liste meets der Pianist, aber Underground. Und der große Unterschied zwischen Socha und Schindler ist auch, dass Socha nicht etwa helfen will, weil er ein besonders guter Mensch ist, oder Judenfreund. Er stößt nur zufällig auf die Juden und merkt, dass er an ihrer Rettung verdienen könne. Nahrung, jedenfalls so viel und unauffällig wie möglich, und Schutz gegen Geld. Im Laufe des Films scheint sich seine Motivation jedoch zu ändern: als das Geld sich dem Ende neigt, hilft er trotzdem weiter. Er riskiert sein Leben, das seiner Familie und seine Ehe. Zurecht kann er also am Ende stolz sein „Werk“, „seine Juden“ dem Tageslicht präsentieren.

Das Sujet Krieg, Holocaust, Rettung, Opfer, ist sicher kein neues, aber dennoch verliert es nie an Aktualität. Es wird noch viele Filmemacher geben, die sich ihm widmen werden, denn vergessen werden darf nie. Leider vermag dieser Film aber nicht so sehr zu affektieren wie es zum Beispiel „Der Pianist“ tat. Liegen könnte das vielleicht an zu geringer Psychologisierung der Charaktere, immerhin sind es 12 Menschen, die da gerettet werden. Am nahsten kommt man noch Mundek Margulies (Benno Fürmann) und Klara Keller (Agniewszka Grochowska), zwischen denen sich eine Liebesgeschichte anbahnt. Auch er riskiert sein Leben für sie, indem er in ein Arbeitslager geht, um nach ihrer Schwester zu sehen. Er kehrt wieder, die Schwester bleibt erschossen zurück.

Das sind Momente, die eigentlich berühren sollten, den Zuschauer mit dem Schicksal mitleiden lassen. Dass dies irgendwie nicht ganz gelingt, mag nun an den Figuren liegen, an der Nüchternheit der Kamera, oder vielleicht sogar an mittlerweile eintretender Überreizung von Kriegsfilmen. Tarantino schließlich, ließ Hitler schon vor zwei Jahren im Kino sterben.

Dance. Dance. Otherwise we are lost.










Gestern wurde von der German Films einberufenen Jury beschlossen, Wim Wenders "Pina" als Oscarkandidat ins Rennen um den Preis des besten Dokumentarfilms zu schicken. Die Begründung der Jury: " 'Pina' ist ein filmisches Gesamtkunstwerk, das Tanz, Musik und Film harmonisch zusammenfügt und dabei über das Dokumentarische weit hinauswächst. Der Film vermittelt eine sinnliche Erfahrung von Tanz und ist ein ausgezeichnetes Porträt einer großen deutschen Künstlerin."

Und tatsächlich kann bei dem Film von weitaus mehr als Dokumentation gesprochen werden – er ist Kunst. Seit 25 Jahren hatten Wenders und Pina Bausch, Tänzerin und vor allem Choreographin, die Idee eines gemeinsamen Filmes. Doch, so Wenders, wusste er nicht, wie. Bis er die 3D-Verfilmung von einem Konzert der Band U2 sah und wusste: Das ist die Technik, die dem Schaffen Pinas Ehre gebühren wird. Als noch Camerons „Avatar“ den Weg geebnet hatte für etliche 3D-Produktionen, schien der Collabo endgültig nichts im weg zustehen, doch Pina Bausch starb plötzlich.

Wim Wenders wollte die Produktion einstellen, denn „ein Film über Pina, ihre Sicht der Dinge und Menschen, schien nicht möglich ohne Pina.“ Wer letztendlich überzeugte, die Dreharbeiten trotzdem fortzuführen, waren die Tänzer selbst. Und so sind sie es, die Pina Bausch und ihr Wesen im Film aufleben und vor allem weiterleben lassen. „Es ist, als sei sie ein Teil von uns“, sagt eine Tänzerin, und das merkt man in jeder Minute.

„Pina“ ist kein Dokumentarfilm im klassischen Sinne. Biographische Eckdaten und Stationen spielen keine Rolle, es gibt keine Handlung, und auch Pina selbst wird nur wenig gezeigt. Aber wie einen Menschen besser zeigen als durch seine Passion? Charakteristisch für Pinas Arbeit war, den Tänzern weniger Instruktionen zu geben als vielmehr das herauszuholen, was in ihnen steckt. Sie durchschaute die Menschen, heißt es. Und stellte Fragen. Immer Fragen, die die Tänzer an ihre Grenzen stoßen und ihre Antworten in Expression geben ließen. „Dance for love“, sagte sie, und ebenso choreographierte sie. Ihre Stücke handeln von Liebe, Einsamkeit, aber auch die vier Elemente waren großer Bestandteil ihrer Inspiration. Selbst der größte Tanzlaie kommt nicht umhin, dies auf der Leinwand zu spüren, die Leidenschaft, die Dynamik, und ist ergriffen. Denn mit Tanz ist es ein bisschen wie mit moderner Kunst, man muss nicht immer unbedingt mit dem Kopf verstehen, wenn die Emotionen greifen.

So wechselt der Film zwischen Ausschnitten bekannter Aufführungen Bauschs wie „Café Müller“, in dem sich die Tänzerinnen mit geschlossenen Augen bewegen und Outdoor-Aufnahmen einiger der Tänzer, gedreht in Wuppertal, wo Bauschs „Tanztheater“ sässig war. Auch kurze komödiantische Szenen lassen sich finden, die ein bisschen was vom „Kino der Attraktionen“-Charakter haben. Und dazwischen Porträtaufnahmen fast aller Tänzer, Voice-Over in Gedanken und Gedenken an Pina.

Hinzu kommt die brillante 3D-Technik, in der der Film gedreht wurde. Hier wird nichts vorgeführt, wie in sonstigen Mainstream-Produktionen, es fliegt nichts um die Ohren. Fragil zeigt sich ein Vorhang, Körper und Möbel werden plastisch, doch niemals aufdringlich. Der Film erreicht eine Nähe, die dem Zuschauer bei Betrachtung einer Aufführung auf der Bühne niemals möglich gewesen wäre. Und 3D erreicht endlich Kunstwert.

„Pina hätte das so gewollt, glaube ich“, konstituiert Wenders. Mit Sicherheit hätte sie das.

The Vanity Fair, aka.: Facebook


Im folgenden Artikel sind die Handlung und alle handelnden Personen frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.  Jedenfalls fast.

Wie wir alle, bin auch ich Teil der Facebookgeneration, dieser Maschinerie, des virtuellen Beisammenseins. Ständig geht das Phänomen „Facebook“ durch die Medien und wird durchleuchtet von allen Seiten. Die wohl spannendsten Fragen sind, wie sich der permanente Zwang zur Performanz oder die Art der Kommunikation unter „Freunden“ gesellschaftlich auswirken. Beispiele zu aktuellen Diskussionen finden sich in der Süddeutschen oder in der F.A.Z., um nur zwei davon aufzuführen.

Wenn man aber mal schaut, nicht nur um eben so zu schauen, sondern einen differenzierteren Blick auf sogenannte Freunde wirft, kommt man nicht umhin, täglich immer wiederkehrende Schemata festzustellen. Wagen wir uns also in soziologische Gefilde vor und versuchen, diese zu Typologisieren (Mischformen möglich).

Der Typus, der wohl jedem am meisten aufstößt und von vielen gar nicht mehr gesehen wird, da: geblockt, ist der, der nichts zu sagen hat, aber uns nicht damit verschont, es trotzdem zu tun. Nennen wir es digitale Logorrhoe. Sollte sich diese in den nächsten Jahren als tatsächliche Krankheit herausstellen, nehme ich das sofort zurück. Und hoffe das ist heilbar! Denn nein, es interessiert uns nicht, was ihr gerade im Fernsehen seht, ob Werbung kommt oder ihr die Fernbedienung nicht findet! Nein, wir wollen auch nicht wissen wie krank ihr gerade seid, ob ihr Pusteln habt, Kopfweh oder Durchfall! (Gab es schon, Tatsache.) Ob ihr gerade Feierabend habt, oder anfangt zu arbeiten, oder guten Morgen sagt...oder gute Nacht!Was kommt als nächstes? Die Frage nach einem Tampon oder einem Kondom? Nächtliche Updates zu Sexpraktiken? „Ich bin gerade im Bett mit...“
Noch so ein Fall. Menschen, die ständig mitteilen müssen, wo sie sind. Davon abgesehen, dass die Leute, die es interessiert vermutlich sowieso schon danebensitzen und sich freuen verlinkt zu werden – wenn du eben noch gepostet hast, du gehst jetzt arbeiten, wissen wir auch 15 Minuten später wo du bist. Oder in welchem Club. Oder auf welcher Autobahn.

Ein neuer Trend scheint sich breit zu machen unter frischgebackenen Mamis. Das mag jetzt vielleicht am Mittzwanzigerbekanntenkreis meinerseits liegen... Aber Mamis. Schiebt den Kinderwagen ein bisschen raus anstatt täglich Stunden vor dem PC zu sitzen und jeden wissen zu lassen wie sehr ihr euer Kind liebt! Da sind Kochrezepte weitaus ertragreicher für die Allgemeinheit. Dasselbe gilt auch für ebenso frische Pärchen. Wir freuen uns alle für euch! Wirklich! Es gibt nichts schöneres, als zu sehen, dass zwei Idioten, die offenbar zusammenpassen es auch noch geschafft haben sich zu finden! Und Romantik, ich bin ja großer Fürsprecher, und es die ganze Welt wissen lassen, dass man sich gern hat, ist die eine Sache. Sich aber gegenseitig die Pinnwände so vollzusabbeln, dass anderen das Kotzen kommt... nun ja. Ein Herzchen, ein Lied, ein Zitat, ein Wasweißich... aber das öffentliche Zelebrieren muss halt nicht unbedingt sein. Verzieht euch ins Bett, wo ihr hingehört!

Jetzt werden viele sagen: müsst ihr ja nicht lesen, wenn ihrs nicht wollt. Ganz genau, zum Glück gibt es das Facebookeigene ABS, ein Klick, weg sind sie. Pervers: irgendwie will man dann doch, und wenn es nur ist, um sich darüber aufzuregen oder es den Freunden zu kopieren mit garstigem Kichern. Ihr seid gerne das Gespött anderer? Go for it.
Ganz fatal ist, wenn solche Menschen sich dann trennen. Oder verstimmte Allround-Poster im Allgemeinen. Die wälzen sich so lange in Selbstmitleid, bis man sie am liebsten Rütteln würde, oder ihnen zumindest einen Keks geben. Oder Baldrian, damit sie endlich schlafen!
Sehr sympathisch dagegen finde ich den Typus der „Melancholischen“. Ihr Posting-Verhalten ist ein eher ruhiges, dafür hat es das dann in sich: tiefschürfende Lieder, Zitate aus ebensolchen oder auch anderen Quellen, so wirklich gut drauf scheinen die nie zu sein. Der große Vorteil an solchen Online-Bekanntschaften: tolle neue Musik! Auch der Overkill an Youtube-Links lässt sich wieder unterteilen. Für manche ist es Ausdruck einer Emotion, Ansprechen eines imaginären Gegenübers, Erinnerung an einen tollen Moment, manchmal passt es auch einfach grundlos. Für andere Support, Beschallen ebenso imaginär zuhörender Freunde, oder einfach nur geposteter Bullshit. Und warum auch nicht Mitmenschen mit furzenden und hicksenden Katzen zum Lachen bringen?

Was mich im Umkehrschluss zu den „Intellektuellen“ führt. Diese sind meist damit beschäftigt, Zeitungsartikel zu teilen (besonders beliebt: Politik) oder Zitate, die nur auserwählte verstehen können. Wenn sie denn mal kommentieren, dann meist auf einem solchen Niveau, dass einem erst mal die Spucke wegbleibt und man für eine Antwort in eine einstündige Trance verfallen muss. Letztendlich ist das natürlich ebenso eine Selbstbeweihräucherung wie die des Mädchens, das täglich ein neues Bild von sich uploaden muss, um Zuspruch zu bekommen, wie gut es aussieht (Im „Tribute to the stars on Facebook“ der The Altoids Curiously Strong Awards läuft sie unter „Princess Snapshot“). Es ist aber auch ein Teufelskreis - durch Bestätigung anderer wird man nun mal bestätigt, also warum damit aufhören? Dass ein geringes Selbstwertgefühl in solchen Fällen mit reinspielt, der Drang nach Aufmerksamkeit, wird verdrängt oder erst gar nicht wahrgenommen – ist allerdings von Studien belegt.

Wie die F.A.Z. schreibt, „das Bedürfnis nach ständiger, aber unauffälliger, konfliktarmer Abgleichung des eigenen Urteils und Selbstbildes mit anderen“, hofft ein jeder, der etwas postet, dass es gefällt. Was heißen soll, dass MAN gefällt. Von lediglichem Informationsaustausch kann in keinem Fall die Rede sein, die Erwartungshaltung ist immer Aktion gleich Reaktion. Nun kann aber doch keiner behaupten, das virtuell erstellte Selbstbild wäre das wirkliche uns eigene. Jeder projiziert eben die Facetten nach Außen, wie er sie gern hätte, dass sie wahrgenommen werden. Man stelle sich das Szenario vor, wenn dem nicht so wäre! Man läuft über die Straße, denkt sich nichts böses, sieht einen entfernt Bekannten, der stupst einen fröhlich an und erzählt erst mal was es zu essen gab, dass Frauen scheiße sind und beendet mit einem Mark Twain-Zitat?!

Ein jeder sollte sich dessen bewusst sein, ob er nun postet oder nicht (denn auch das ist ein Typus: die [Ent-]Haltung, die liken dann gerne hinterfotzig aus dem Nichts): Es handelt sich bei „Facebook“ um eine Metaebene, um ein konstruiertes Hologramm dessen, was sich darunter befindet. Wenn man an den Menschen dahinter ran will, sollte man das fernab medialer Selbstinszenierung versuchen. 

Liebe, Romantik, Cholera

Man kennt das ja: Zuhause steht ein Regal mit Büchern. Von den Eltern oder allen möglichen Seiten der Familie zusammengetragen, alte Bücher, mit abgegriffenen Einbänden, gelben Seiten, braun und rot und gold betitelt auf dem Buchrücken.
Und man nimmt sich immer vor, sie zu lesen, besonders die ganz dicken, mit den kleinen Buchstaben! Dann klingen die Titel wie „Vom Winde verweht“ oder „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ einfach doch zu kitschig und müssen studentischer Fachliteratur weichen... oder ihren Verfilmungen. Was mir bei zweitens genannten Buch entgangen ist, kann ich also nicht beurteilen. Was ich aber zusätzlich noch versäumt habe: mich 2007 auf Kinostarts zu konzentrieren und den Film anzuschauen.

Und ehrlich, ich möchte jetzt keine großartige Filmkritik dazu liefern. Sondern vielmehr für ein paar Minuten die Zeit anhalten, um einigen wunderschönen Gedanken des Films Raum zu lassen, die wie es manchmal scheint, langsam in Vergessenheit geraten. Denn Romantik, Warten, ein Leben lang! Briefe! Sterben wollen für die Liebe! Sie heiratet, er wartet fünfzig Jahre bis der Neue stirbt, schläft mit hunderten Frauen aber: W-A-R-T-E-T. Innerlich!!!

Für etwas,  auf etwas, das laut ihr, Illusion war. „Well, not for me.“, sagt er. Denn jeder lebt in seiner eigenen Realität. Und ist Liebe nicht auch immer Illusion? Jeder der sich mit Liebe schon mal auseinander, besser: zusammengesetzt hat, weiß das: anfängliche Überhöhung des Anderen, der Moment in dem man sagt „für immer!“ um es dann doch zu revidieren – die Magie des Moments, die sich im Nachhinein als verschämtes Eingeständnis der Fehleinschätzung entpuppen muss.

Das gemeine an solchen Filmen ist, dass sie selbst stärkste Realistenherzen erweichen (und ich selbst bin ja noch nicht mal einer, das macht es schlimmer!) und den niederträchtigen, tief sitzenden Glauben nähren, der in den Köpfen unzähliger kleiner Mädchen/Disneyprinzessinnen gesät wurde: es gibt die eine spezielle Person für den Rest deines Lebens! Und ich bestreite das für viele Fälle auch gar nicht, allen Statistiken zum Trotz. Denn was Glauben letztlich stark macht, ist der Glaube an sich. Law of attraction, sagt man.

Das traurige daran ist aber eigentlich, wie es oftmals scheint, dass diese Dinge heute nicht mehr zelebriert werden. Romantik und Leidenschaft und so. Zu häufig geht es um das Oberflächliche, und nicht die Essenz. Um Schreiben in einer blau-weiß-bunten-wer-bist-du-aber-eigentlich-lern-ich-dich-eh-nie-kennen (man beachte den Unterschied zwischen kennenlernen und kennen...lernen), und noch öfter um jemand Ab-Schreiben, denn da sind wir ganz groß drin. Dass diese Geschichte von dem Mann, der fünfzig Jahre wartet und so schöne Briefe schreiben kann, nicht realistisch ist, das weiß ich selbst. Aber wäre es nicht möglich, das Unrealistische ein bisschen häufiger in die Realität zu holen? Fürs erste vielleicht jeder in seine eigene Realität?
Los, schreibt Briefe und Gedichte und parfümiert sie ein und lasst sie zufällig an der richtigen Stelle fallen! Macht große Worte und schert euch nicht drum! Von Blumen an die Mädchen ganz zu schweigen! Schmalzt rum was das Zeug hält, danken wird es euch am Ende: Eure Seele. Und schlechter wird der Sex davon bestimmt auch nicht.

Und für alle Verliebten – ob glücklich oder unglücklich, frisch oder verwitwet, ist „Love in the time of Cholera“ der richtige Film, immer und zu jeder Zeit. Ihr werdet heulen. Versprochen.

Die Roche schreibt wieder ...

... und ganz Deutschland und seine Medienlandschaft stehen Kopf. Und auch diesmal wird die Rechnung „Erwartungshaltung der Leser +  Obszönität = ganz oben in der Bestsellerliste“ aufgehen. Dabei ist die Berechnung, mit der Roche ein bisschen Sex und Vulgarität um die Geschichte herum drapiert,  schlichtweg nicht zu überlesen. Denn die Geschichte ist eigentlich eine andere: es ist die von Charlotte Roche selbst.

Seit sieben Jahren ist die Protagonistin Elizabeth mit ihrem Mann verheiratet, der ihr kurz nach Verlust ihrer drei Brüder bei einem Verkehrsunfall begegnet und stark sein soll für beide. Sie kommt aber über die Tragödie nicht hinweg, geht seither drei mal die Woche in Therapie und steht auch sonst in ständiger Selbstreflexion, -kontrolle und –überwachung. Das wichtigste überhaupt ist für sie, ihre Familie, also Tochter und Mann, nach einem „normalen“ Lebensentwurf beisammen zu halten – entworfen gegen ihre feministische Mutter, die fünf Kinder von drei Vätern hatte. Gerade gegen diese Erziehung lebt sie ihre Sexualität aus, kann nur im Bett vollkommen loslassen, wie sie sagt, oder aber eben auch nicht: die Mutter und Alice Schwarzer schauen immer über die Schulter.

Und während es im Kern um die Überwindung eines tragischen Familienunglücks sowie eigener Neurosen und Selbsttherapie geht, wirken die darüber hinausgehenden „vulgären“ Szenen geradezu gezwungen,  reine PR-Maßnahme, Mittel zum Zweck, nämlich: Polarisieren, Verkaufen. Das Buch ging direkt mit einer Auflage von einer halben Million in die Regale, irgendwie müssen die Leser ja wieder angelockt werden. Und der Name Roche steht seit „Feuchtgebiete“ nun mal für versaut und dreckig.  Wenn aber der Spiegel genau in diesen versauten Parts den Ansatz eines „funkelnden Sexromans“ erkennt, kann man nicht umhin den Kopf zu schütteln. Denn zwischen funkelnd und Schundheftchen liegen Welten.

Und sind wir mal ehrlich: wie Oralsex in Detail funktioniert oder aussieht, wird der Leserschaft nichts Neues sein. Oder, dass Muschimuskeln angespannt werden können, um die Intensität zu steigern. Und wer hat nicht schon mal mit seiner besten Freundin über Spermaschlucken geredet?! Die gemeinsamen Puffbesuche der Protagonistin und ihres Mannes wirken in Anschluss daran dann auch nur noch wie ein notdürftig konstruierter Überbau, der Schritt weiter, der zwingendermaßen folgen musste, um ein klein wenig „schocken“ zu können. Wahrlich schocken tut hier gar nichts. Höchstens die Offensichtlichkeit, mit der die Roche das große Unglück ihres eigenen Lebens thematisiert (auch ihre drei Brüder starben auf dem Weg zu ihrer Hochzeit bei einem Autounfall) und es noch schafft, im talentfreien halbgaren Schreibstil einer 17jährigen Tagebuchschreiberin den großen Reibach damit zu machen.

Dass sie dies unter anderem auch in Gegenreaktion zu Medien wie der Bild-Zeitung macht, kann ihr noch zu Gute gehalten werden. Und gute oder schöne Stellen und Gedanken finden sich auch sonst in „Schoßgebete“, zum Beispiel, wenn Elizabeth von Kindererziehung oder von der Beziehung zu ihrem Mann redet: „Man muss jeden Tag freiwillig zusammen sein.“ Auch ihre Neurosen schildert sie teils amüsant – an einer Stelle stellt sie ihrem Mann, rasend vor Eifersucht, eine Falle, um nachverfolgen zu können, ob er Pornos geschaut hat. Was Charlotte Roche außerdem gut kann: den Leser vom eigentlichen Geschehen mit den Gedanken der Protagonistin weit wegtreiben lassen. So bewegt sich das Buch ständig auf zwei Zeitebenen und gibt so Einblick in das Seelenleben von Elizabeth. Gute Momente werden jedoch schnell gebrochen durch ihre sprachliche Unfähigkeit, nun, was manche bezeichnen als die ihr eigene Mundart, mag andere vielleicht zum Fremdschämen verleiten. Und, um die Authentizität noch auf die Spitze zu bringen, finden sich immer wieder englische Phrasen, whatsoever.

Die Themen, die die Protagonistin in Gedanken weiterhin anschneidet (und ein Vergleich zu James Joyces „Ulysses“, nur weil es sich um einen Möchtegern-Bewusstseinsstrom handelt, halte ich für geradezu respektlos!) – Treue, Analsex, und so weiter, achja, sie bekommt auch Würmer im Po- irgendwie hat es die Roche wohl mit dem Anus. Hämorrhoiden waren es ja in „Feuchtgebiete“. Ist der Anus etwa das neue Must-Thema des Feminismus? Wohl kaum. Denn mit sexuellen Revolutionen und „Karten-auf-den-Tisch-Mädchen“, da sind die Frauen doch schon lange durch. Spätestens seit „Sex and the City“, und ja, irgendwie passte da „Feuchtgebiete“ auch noch rein und war irgendwie ja auch originell, ist das was Charlotte Roche jetzt noch versucht in das Buch einzubringen, überholt.

Was den therapeutischen Anteil von „Schoßgebete“ angeht, kann man das in Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ besser nachlesen. Die Kuttner hat nämlich, woran die Roche scheitert: Sprachgewandtheit und Wortwitz. In diesem Fall macht Charlotte Roche selbst nichts anderes als die Bild-Zeitung: die schlachtet sich aus für den Kommerz. Wenn man sie aber gleichsetzt mit ihrer Protagonistin, die sagt, sie mag Geld und hat ein tolles Verhältnis dazu – wer will es ihr also übel nehmen? Sie hätte ja auch wirklich Tagebuch schreiben können, so ließe sich halt nichts verdienen damit.

Ob „Schoßgebete“ literarisch wertvoll ist oder nicht, das soll gar nicht zur Debatte stehen. Die Frage beantwortet sich wahrscheinlich schon von selbst. Viel wichtiger aber ist: Muss ein Buch, dass derart augenfällig dafür konstruiert ist, so gehypt werden? Und muss eine Frau, nur weil sie sich zu Sex äußert, berechnend provoziert und Grenzen überschreitet, als neue feministische Opposition gefeiert werden? Wie viel Wert das Schaffen von Charlotte Roche tatsächlich hat, wird sich wohl erst in Retrospektive zeigen.

Besonders wertvoll ist „Schoßgebete“ allerdings nicht, so viel bleibt für den Moment festzuhalten. Wer wirkliche literarisch-pornographische Ergüsse lesen möchte, dem rate ich, empfohlen von der Süddeutschen, der Welt und Konsorten, zu Nicholson Bakers „House of Holes“.


Der Plan, der nicht aufging

Wirft man ein bisschen von  „Jumper“, „Wanted“ und vielleicht eine kleine Prise „Matrix“ (den kitschigen Part) in einen Topf, rührt einmal um und schmeißt noch Matt Damon hinein, dann erhält man: richtig, einen mittelmäßigen Film in dem es irgendwie um Schicksal geht, um Vorbestimmung und Liebe. Wobei die Fragen die „Der Plan“ aufwirft und versucht zu reflektieren, die von der uralten und essentiellen Sorte sind. Sind das Leben und der Partner mit dem wir (bestenfalls) den Rest dessen verbringen in irgendeiner Weise vorherbestimmt? Folgen wir einem Plan, ist das Ende am Anfang schon festgelegt? Wie steht es mit Zufall, Schicksal, Selbstbestimmung, freiem Willen?

Im Film lernt der Protagonist zufällig (oder doch schicksalsgelenkt?) seine Traumfrau auf einer Männertoilette kennen und sie übt von Anfang an eine große Faszination auf ihn aus. Doch das Wiedersehen mit ihr wird ständig von huttragenden Männern vereitelt, die, wie sich herausstellt, Kontrolleure eines über allem stehenden Plans sind. Laut diesem Plan des, wie er genannt wird, „Chairmans“, wohl Gott, waren David und Elise einst füreinander bestimmt, doch der Plan wurde geändert. Für die beiden bedeutet das, dass sie, so sehr sie auch wollen, nicht zusammen kommen dürfen. Andernfalls würde die Zukunft der beiden ruiniert und alle Ziele wären dahin. Und David könnte nicht mehr Präsident werden. Der Clou an der Sache: würde er sie bekommen, wäre sein Leben so ausgefüllt, dass diese Ziele und Träume überfällig würden -  blöd für „den Plan“ – denn, klar, David könnte vieles bewegen.

Der interessante Gedanke dabei ist, inwieweit die Menschen, die wir in unser Leben lassen, tatsächlich unser Sein und Werden beeinflussen. Dass man automatisch beginnt, Kompromisse einzugehen, wenn man in einer frischen Partnerschaft steckt, ist jedem bekannt. Man nimmt sich weniger Zeit für Freunde, Familie und Hobbys, um an der Zweisamkeit zu arbeiten und diese zu genießen. Das muss doch aber nicht heißen, dass man, wenn man nun meint den Traumprinz oder die Prinzessin  gefunden zu haben, auf bauschigen Wolken hüpft  und erfüllt ist, sich nicht weiter selbst verwirklichen kann. Obama wäre sonst sicher nicht Präsident geworden. Im Umkehrschluss hieße das ja auch, dass man in Sachen Selbsterfüllung bessere Chancen hat, wenn man niemanden an seiner Seite hat. Natürlich hat jeder Phasen, in denen er sich auf sich selbst konzentriert, sich profiliert, definiert – und nicht zwingend Unterstützung dazu braucht. Wenn es aber doch mal funkt und passt, sollte das auch weiterhin kein Problem sein. Denn Liebe bedeutet zwar Kompromissbereitschaft – was aber ebenso heißt, Akzeptanz. Und sicherlich nicht Selbstaufgabe oder -aufopferung. Denn man möchte sein Gegenüber letztendlich beibehalten, wie man es am kennengelernt hat, egal wie beschäftigt oder erfolgreich es ist und sein Eigenleben führt.

Warum aber, stellt sich dann die Frage, wird der Plan für David und Elise überhaupt geändert? Davon abgesehen, dass der Film sich allein aus diesem Konflikt nährt? Und die Antwort kommt zum Schluss: Alles war ein Test. Weil Liebe nämlich alles überwindet. Der „Chairman“ ist inspiriert, der Zuschauer wohl eher weniger. Zumal ihm auch noch unterschwellig der Vorwurf gemacht wird, jeden Tag nach vorgegebenen Wegen zu leben, und:  es könne ja aber passieren dass man seinen freien Willen findet und den Plan neu schreibt. Aber sollten wir das nicht jeden Tag versuchen? Ob nun vorbestimmt oder nicht?

Dass ein Film solche Urfragen übernimmt, um daraus eine Liebesgeschichte zu konstruieren, ist nun beileibe nichts Neues. Und im Ansatz funktioniert das auch. Aber wer die Tragik oder Emotionalität oder Spiritualität ähnlicher Filme wie „Stadt der Engel“ oder eben auch „Matrix“ erwartet, ist hier leider fehl am Platz.