Die Roche schreibt wieder ...

... und ganz Deutschland und seine Medienlandschaft stehen Kopf. Und auch diesmal wird die Rechnung „Erwartungshaltung der Leser +  Obszönität = ganz oben in der Bestsellerliste“ aufgehen. Dabei ist die Berechnung, mit der Roche ein bisschen Sex und Vulgarität um die Geschichte herum drapiert,  schlichtweg nicht zu überlesen. Denn die Geschichte ist eigentlich eine andere: es ist die von Charlotte Roche selbst.

Seit sieben Jahren ist die Protagonistin Elizabeth mit ihrem Mann verheiratet, der ihr kurz nach Verlust ihrer drei Brüder bei einem Verkehrsunfall begegnet und stark sein soll für beide. Sie kommt aber über die Tragödie nicht hinweg, geht seither drei mal die Woche in Therapie und steht auch sonst in ständiger Selbstreflexion, -kontrolle und –überwachung. Das wichtigste überhaupt ist für sie, ihre Familie, also Tochter und Mann, nach einem „normalen“ Lebensentwurf beisammen zu halten – entworfen gegen ihre feministische Mutter, die fünf Kinder von drei Vätern hatte. Gerade gegen diese Erziehung lebt sie ihre Sexualität aus, kann nur im Bett vollkommen loslassen, wie sie sagt, oder aber eben auch nicht: die Mutter und Alice Schwarzer schauen immer über die Schulter.

Und während es im Kern um die Überwindung eines tragischen Familienunglücks sowie eigener Neurosen und Selbsttherapie geht, wirken die darüber hinausgehenden „vulgären“ Szenen geradezu gezwungen,  reine PR-Maßnahme, Mittel zum Zweck, nämlich: Polarisieren, Verkaufen. Das Buch ging direkt mit einer Auflage von einer halben Million in die Regale, irgendwie müssen die Leser ja wieder angelockt werden. Und der Name Roche steht seit „Feuchtgebiete“ nun mal für versaut und dreckig.  Wenn aber der Spiegel genau in diesen versauten Parts den Ansatz eines „funkelnden Sexromans“ erkennt, kann man nicht umhin den Kopf zu schütteln. Denn zwischen funkelnd und Schundheftchen liegen Welten.

Und sind wir mal ehrlich: wie Oralsex in Detail funktioniert oder aussieht, wird der Leserschaft nichts Neues sein. Oder, dass Muschimuskeln angespannt werden können, um die Intensität zu steigern. Und wer hat nicht schon mal mit seiner besten Freundin über Spermaschlucken geredet?! Die gemeinsamen Puffbesuche der Protagonistin und ihres Mannes wirken in Anschluss daran dann auch nur noch wie ein notdürftig konstruierter Überbau, der Schritt weiter, der zwingendermaßen folgen musste, um ein klein wenig „schocken“ zu können. Wahrlich schocken tut hier gar nichts. Höchstens die Offensichtlichkeit, mit der die Roche das große Unglück ihres eigenen Lebens thematisiert (auch ihre drei Brüder starben auf dem Weg zu ihrer Hochzeit bei einem Autounfall) und es noch schafft, im talentfreien halbgaren Schreibstil einer 17jährigen Tagebuchschreiberin den großen Reibach damit zu machen.

Dass sie dies unter anderem auch in Gegenreaktion zu Medien wie der Bild-Zeitung macht, kann ihr noch zu Gute gehalten werden. Und gute oder schöne Stellen und Gedanken finden sich auch sonst in „Schoßgebete“, zum Beispiel, wenn Elizabeth von Kindererziehung oder von der Beziehung zu ihrem Mann redet: „Man muss jeden Tag freiwillig zusammen sein.“ Auch ihre Neurosen schildert sie teils amüsant – an einer Stelle stellt sie ihrem Mann, rasend vor Eifersucht, eine Falle, um nachverfolgen zu können, ob er Pornos geschaut hat. Was Charlotte Roche außerdem gut kann: den Leser vom eigentlichen Geschehen mit den Gedanken der Protagonistin weit wegtreiben lassen. So bewegt sich das Buch ständig auf zwei Zeitebenen und gibt so Einblick in das Seelenleben von Elizabeth. Gute Momente werden jedoch schnell gebrochen durch ihre sprachliche Unfähigkeit, nun, was manche bezeichnen als die ihr eigene Mundart, mag andere vielleicht zum Fremdschämen verleiten. Und, um die Authentizität noch auf die Spitze zu bringen, finden sich immer wieder englische Phrasen, whatsoever.

Die Themen, die die Protagonistin in Gedanken weiterhin anschneidet (und ein Vergleich zu James Joyces „Ulysses“, nur weil es sich um einen Möchtegern-Bewusstseinsstrom handelt, halte ich für geradezu respektlos!) – Treue, Analsex, und so weiter, achja, sie bekommt auch Würmer im Po- irgendwie hat es die Roche wohl mit dem Anus. Hämorrhoiden waren es ja in „Feuchtgebiete“. Ist der Anus etwa das neue Must-Thema des Feminismus? Wohl kaum. Denn mit sexuellen Revolutionen und „Karten-auf-den-Tisch-Mädchen“, da sind die Frauen doch schon lange durch. Spätestens seit „Sex and the City“, und ja, irgendwie passte da „Feuchtgebiete“ auch noch rein und war irgendwie ja auch originell, ist das was Charlotte Roche jetzt noch versucht in das Buch einzubringen, überholt.

Was den therapeutischen Anteil von „Schoßgebete“ angeht, kann man das in Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ besser nachlesen. Die Kuttner hat nämlich, woran die Roche scheitert: Sprachgewandtheit und Wortwitz. In diesem Fall macht Charlotte Roche selbst nichts anderes als die Bild-Zeitung: die schlachtet sich aus für den Kommerz. Wenn man sie aber gleichsetzt mit ihrer Protagonistin, die sagt, sie mag Geld und hat ein tolles Verhältnis dazu – wer will es ihr also übel nehmen? Sie hätte ja auch wirklich Tagebuch schreiben können, so ließe sich halt nichts verdienen damit.

Ob „Schoßgebete“ literarisch wertvoll ist oder nicht, das soll gar nicht zur Debatte stehen. Die Frage beantwortet sich wahrscheinlich schon von selbst. Viel wichtiger aber ist: Muss ein Buch, dass derart augenfällig dafür konstruiert ist, so gehypt werden? Und muss eine Frau, nur weil sie sich zu Sex äußert, berechnend provoziert und Grenzen überschreitet, als neue feministische Opposition gefeiert werden? Wie viel Wert das Schaffen von Charlotte Roche tatsächlich hat, wird sich wohl erst in Retrospektive zeigen.

Besonders wertvoll ist „Schoßgebete“ allerdings nicht, so viel bleibt für den Moment festzuhalten. Wer wirkliche literarisch-pornographische Ergüsse lesen möchte, dem rate ich, empfohlen von der Süddeutschen, der Welt und Konsorten, zu Nicholson Bakers „House of Holes“.


Der Plan, der nicht aufging

Wirft man ein bisschen von  „Jumper“, „Wanted“ und vielleicht eine kleine Prise „Matrix“ (den kitschigen Part) in einen Topf, rührt einmal um und schmeißt noch Matt Damon hinein, dann erhält man: richtig, einen mittelmäßigen Film in dem es irgendwie um Schicksal geht, um Vorbestimmung und Liebe. Wobei die Fragen die „Der Plan“ aufwirft und versucht zu reflektieren, die von der uralten und essentiellen Sorte sind. Sind das Leben und der Partner mit dem wir (bestenfalls) den Rest dessen verbringen in irgendeiner Weise vorherbestimmt? Folgen wir einem Plan, ist das Ende am Anfang schon festgelegt? Wie steht es mit Zufall, Schicksal, Selbstbestimmung, freiem Willen?

Im Film lernt der Protagonist zufällig (oder doch schicksalsgelenkt?) seine Traumfrau auf einer Männertoilette kennen und sie übt von Anfang an eine große Faszination auf ihn aus. Doch das Wiedersehen mit ihr wird ständig von huttragenden Männern vereitelt, die, wie sich herausstellt, Kontrolleure eines über allem stehenden Plans sind. Laut diesem Plan des, wie er genannt wird, „Chairmans“, wohl Gott, waren David und Elise einst füreinander bestimmt, doch der Plan wurde geändert. Für die beiden bedeutet das, dass sie, so sehr sie auch wollen, nicht zusammen kommen dürfen. Andernfalls würde die Zukunft der beiden ruiniert und alle Ziele wären dahin. Und David könnte nicht mehr Präsident werden. Der Clou an der Sache: würde er sie bekommen, wäre sein Leben so ausgefüllt, dass diese Ziele und Träume überfällig würden -  blöd für „den Plan“ – denn, klar, David könnte vieles bewegen.

Der interessante Gedanke dabei ist, inwieweit die Menschen, die wir in unser Leben lassen, tatsächlich unser Sein und Werden beeinflussen. Dass man automatisch beginnt, Kompromisse einzugehen, wenn man in einer frischen Partnerschaft steckt, ist jedem bekannt. Man nimmt sich weniger Zeit für Freunde, Familie und Hobbys, um an der Zweisamkeit zu arbeiten und diese zu genießen. Das muss doch aber nicht heißen, dass man, wenn man nun meint den Traumprinz oder die Prinzessin  gefunden zu haben, auf bauschigen Wolken hüpft  und erfüllt ist, sich nicht weiter selbst verwirklichen kann. Obama wäre sonst sicher nicht Präsident geworden. Im Umkehrschluss hieße das ja auch, dass man in Sachen Selbsterfüllung bessere Chancen hat, wenn man niemanden an seiner Seite hat. Natürlich hat jeder Phasen, in denen er sich auf sich selbst konzentriert, sich profiliert, definiert – und nicht zwingend Unterstützung dazu braucht. Wenn es aber doch mal funkt und passt, sollte das auch weiterhin kein Problem sein. Denn Liebe bedeutet zwar Kompromissbereitschaft – was aber ebenso heißt, Akzeptanz. Und sicherlich nicht Selbstaufgabe oder -aufopferung. Denn man möchte sein Gegenüber letztendlich beibehalten, wie man es am kennengelernt hat, egal wie beschäftigt oder erfolgreich es ist und sein Eigenleben führt.

Warum aber, stellt sich dann die Frage, wird der Plan für David und Elise überhaupt geändert? Davon abgesehen, dass der Film sich allein aus diesem Konflikt nährt? Und die Antwort kommt zum Schluss: Alles war ein Test. Weil Liebe nämlich alles überwindet. Der „Chairman“ ist inspiriert, der Zuschauer wohl eher weniger. Zumal ihm auch noch unterschwellig der Vorwurf gemacht wird, jeden Tag nach vorgegebenen Wegen zu leben, und:  es könne ja aber passieren dass man seinen freien Willen findet und den Plan neu schreibt. Aber sollten wir das nicht jeden Tag versuchen? Ob nun vorbestimmt oder nicht?

Dass ein Film solche Urfragen übernimmt, um daraus eine Liebesgeschichte zu konstruieren, ist nun beileibe nichts Neues. Und im Ansatz funktioniert das auch. Aber wer die Tragik oder Emotionalität oder Spiritualität ähnlicher Filme wie „Stadt der Engel“ oder eben auch „Matrix“ erwartet, ist hier leider fehl am Platz.  

Dauernörgler 2.0_Verweilen wir doch alle im Moment der Frustration!

"Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!"

Sagte schon Goethes Faust. Das Problem dabei ist nur: Wann zur Hölle ist man einmal komplett zufrieden? Geht man dabei aus von einem kurzen Moment, dann ist das ein Augenblick absoluter Präsenz, der aber sofort wieder verfliegt. Wie der Begriff „Augen-Blick“ schon sagt: die Lider heben und senken sich. Puff! Moment vorbei. So ein Orgasmus, zum Beispiel. Dann hämmert es dir mal eben hormongeladen durch alle Synapsen und dann: scheiße, ich muss zur Arbeit (schätze dich glücklich wenn du überhaupt Morgensex bekommst!), ich muss schlafen, woa näää, kein Bock auf Kuscheln, was will die Alte eigentlich schon wieder?!, was zieh ich morgen an, was ist der nächste Punkt meines Aufsatzes, hab ich den Wecker schon gestellt? Zufriedenheit, und ich spreche von einer abso-fuckin-luten, gibt es das überhaupt? Die Deutschen sind ja ohnehin verschrien als eine Mecker-Gesellschaft in Übermaß. Es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass es immer etwas auszusetzen gibt.

Läuft es in der Arbeit gut, ist die Beziehung scheiße. Oder das Essen schmeckt nicht. Grund zu nörgeln, wenn nichts anderes einfällt, gibt immer: das Wetter. Entweder ist es nass und kalt oder, Gott bewahre, es ist zu heiß! Nicht ein Tag, an dem bei Facebook nicht ausgiebig über das Wetter hergezogen wird. Was kann denn die Natur dafür, dass du alles blöd findest, Mensch? Oder aber kann es sein, dass unser Gezeter sogar naturgegeben ist? Frust von Innen nach Außen verlagern, sozusagen. Aua mein Rücken, oh ich hab mir das Knie gestoßen, mein Frühstücksei ist zu glibberig, das Lieblingsshirt in der Wäsche, und der Typ hat sich immer noch nicht gemeldet!

Demzufolge müssten aber Menschen, die ausnahmsweise die Klappe halten, implodieren. Oder Therapeuten Hochkonjunktur haben. Interessant ist, dass Selbstmordraten ja wirklich höher liegen als die von Autounfällen. Sind das also vielleicht alles implodierte Menschen? Wenn wir nicht permanent keifend durch die Gegend laufen, sterben wir dann aus?

Oder beschwert man sich einfach nur aus Gründen der Sozialität? Mein Mitleid gegen deines! Heute möchte ich mal das Angepisstsein feiern. Denn angepisst... sein ... und es der halben Welt mitteilen müssen, ich denke, das hat was heilsames. So eine Eigenurintherapie ja angeblich auch. 

Kleine wahre Lügen

„Kleine wahre Lügen“ ist ein Film über Freundschaft. Die besondere, Jahre überdauernde Art von Freundschaft aber, bei der man manchmal gar nicht mehr weiß, wie man eigentlich zueinander steht. Dann wiederum gibt es Momente, in denen man sich sogar ein klein wenig zu viel mag,  man sieht sich trunken in die Augen und – verliebt sich in seinen besten Freund, wie es  Vincent im Film geschieht.

Der Film lebt von jenen Augenblicken, die tiefe Freundschaft ausmachen: Man lacht zusammen, betrinkt sich, kotzt, streitet, nimmt sich wieder in den Arm. Blickt sich stillschweigend an und weiß um den Schmerz des Anderen, versteht vielleicht noch besser als der Freund selbst. Man akzeptiert Schwächen und Makel der Freunde, sieht darüber lächelnd hinweg, selbst wenn sie neurotische Anfälle haben und zu weit gehen (und in Jackscher Shining-Manier Wände einschlagen, um Mardern nachzujagen). Man kennt sich und seine Launen, es ist okay. Ebenso die „kleinen wahren Lügen“, die im Raum stehen, von denen jeder weiß, über die aber keiner spricht. Wenn Großzügigkeit zu Egobekräftigung wird, Liebeskummer manisch, oder Alkohol und Drogen zum Füllen von Lücken dienen.

Und dann gibt es Zeiten, in denen man sich sogar abwenden muss, weil man den Schmerz nicht mittragen kann und auf die Stärke des anderen vertraut. Es sollte jedoch nie zu spät sein, wieder zurück an seine Seite zu kehren um beizustehen.

Wenn ein Film es schafft, all diese Facetten zu vereinen und zu zeigen, was Freundschaft ist, was sie sein sollte, und was nicht, dann kann er sein wie dieser: schlicht, ergreifend, gut.




Vom Suchen und Finden der Liebe


Ein Phänomen, das wohl so alt ist wie die Menschheit selbst. Kaum kommt man in die Pubertät, beginnt es: man sucht. Und will. Und hat man etwas, will man mehr! Gibt auf, verlässt, lernt daraus – ok, der Eine mehr, der Andere weniger. Manch einer ist so geprägt von Erfahrungen, dass er nicht mehr raus kann aus seiner Haut. Verbittert.

Ich bin ja Verfechter einer, meiner eigenen, Universum-es-kommt-alles-wie-es-soll-und-nichts-passiert-ohne-Grund-Philosophie. Fickt dich das Leben, sag Danke! Nimm es mit, speicher ab, mach es besser, wachse. So wachsen auch die Ansprüche mit der Zeit. Was aber... wenn das dir eigen implizierte Idealbild so plötzlich vor deiner Nase steht, dass dir die Knie wackeln? Dass du unbeholfen und blöd wirst wie eine 12jährige? Frau ist ja heutzutage selbstbewusst, so voll im Leben. Weiß was und wen sie will. Sprich also den Jagdinstinkt des Mannes an, heißt es. Melde dich nicht! Auch heute noch, allem Feminismus zum Trotz: Halt die Füße still und klimper mit den Wimpern. Sei intelligent, aber nicht zu sehr – könnte ja einschüchtern.

Dem hingegen wissen Männer doch selbst nicht mehr, wer sie sind und was sie darstellen wollen, geschweige denn, dass sie wie „Mann“ handeln. Humphrey Bogarts „Schau mir in die Augen, Kleines“... die Zeiten sind lang passé. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Was, wenn mein Gegenüber will, sich aber genauso in die Hose macht? Wie sieht die dämliche Rollenverteilung heute aus? Findet heute überhaupt noch jemand irgendwas, oder sucht jeder nur?


Manchmal ergibt sich ja alles von selbst. Gerade dann, wenn man eben nicht sucht. Oder Dinge einfach geschehen lässt. Es ist aber wahnsinnig zermürbend, dieses gezwungene geschehen Lassen, wenn einfach nichts geschieht, und einer nicht mal in die Offensive geht. Oder zumindest das nicht vorhandene Interesse spüren lässt. Windstille beim Segeln ist nun mal nicht besonders förderlich. Und Nichtstun ist mitunter anstrengender, als einen kleinen Schritt zu wagen, in welcher Form auch immer. Hiermit also ein Appell. Männer dieser Welt, kriegt die Ärsche hoch. Gut, böse, ja, nein, an, aus...Kopf oder Zahl? Mann oder Maus?

Kunst ab 18?

"Heroin Kids" betitelt ein Kunstprojekt von Corinna Engel und Christian Kaiser. In aufwühlenden Fotografien inszeniert das Künstlergespann Modells als Junkies mit zerzausten Haaren, verlaufenem Make-Up, prallem Blick und in obszönen Posen. Kotzend, mit Einstichen, teils verwahrlost, aber dennoch mit einem auf komische Art und Weise ansprechenden, oder eher: faszinierenden Look. Es sollen sich auch echte Abhängige oder Konsumenten unter den Abgelichteten befunden haben.

Eine Ästhetisierung lässt sich diesen Bildern nicht absprechen und ist bewusst gewählt: "Schönheit und Freiheit zeigen sich gerade in intensiven Momenten des Lebens“, so Christian Kaiser. Die Bilder sollen Schönheit, Freiheit, Sehnsucht und auch Liebe zum Zeitpunkt des Niederganges und Exzesses, an einem Tiefpunkt menschlicher Existenz zum Vorschein bringen. 

Genau hier liegt natürlich der Kritikpunkt der Bayerischen Landesanstalt für neue Medien (BLM), die befürchtet,  diese Art von Kunst könnte "entwicklungsbeeinträchtigend" für Jugendliche sein. Gegen diesen ersten Vorwurf konnten sich die Künstler in Revision behaupten und entgingen einer Strafe von 5000 Euro. Nun steht aber schon die nächste Klage ins Haus. Inhalte der Homepage von "Heroin Kids" sollen offline genommen werden, das Statement der Künstler auf ihrer Seite: "Stellen wir die beanstandeten Inhalte wieder ein, wird unser Kunstprojekt verboten. Falls wir das nicht erklären drohen sie uns mit weiteren hohen Kosten und einer Untersagungsverfügung.
Es geht hier wohl längst nicht mehr rein um die "beanstandeten Inhalte", als viel mehr darum eine Zensur durchzudrücken. Außerdem möchte die BLM  ein exemplarisches Urteil, das sie dazu befugt Kunst im Internet in ganz Deutschland ohne Probleme zensieren zu dürfen."

Aber darf Kunst so einfach zensiert werden? Das sollte nicht zur Debatte stehen. Kunst zeigt, was Kunst zeigen muss, und Künstlern sollten keine Schranken auferlegt werden. Der Vorwurf einer Ästhetisierung von Drogenopfern steht zwar zurecht im Raum, doch sind die Fotografien zugleich auch verstörend genug, um Jugendlichen die Kritik daran offen darzulegen. Davon abgesehen, dass im Internet sicherlich weitaus schlimmere Seiten und Bilder zugänglich sind, als diese.

Und Kunst ab 18? Sollte jetzt auch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", die Jugendlektüre schlechthin, zensiert werden, weil sie als drogenverherrlichend gelesen werden könnte? Jugendliche sollten die Möglichkeit haben, sich früh genug kritisch mit Drogen auseinander zu setzen. Fotografien, auch wenn ästhetisch in Szene gesetzt, werden die Jugend schon nicht verderben.

Ausstellung "Heroin Kids" noch bis 27.7., Mein Haus am See, Berlin

Rezension zur Mondrian-Ausstellung im Kunstbau

Hört man den Namen Piet Mondrian, so denkt man automatisch an seine blau-rot-gelb-weißen, mit Schwarz gerasterten Kompositionen von Rechtecken. Was wirklich dahinter steckt und welch eine Entwicklung der Künstler bis zu seiner konzeptionellen Schaffenszeit hatte, ist hingegen weithin unbekannt.

Es gelingt der Mondrian- und De Stijl-Retrospektive im Kunstbau Lenbachhaus München, dem Betrachter einen Zugang hierzu zu verschaffen. An Kunstwerken wie „Metamorphose“ von 1908 und anderen Darstellungen von Bäumen und Kirchen wird ersichtlich, wie Mondrian seinen Weg über den Kubismus in die Abstraktion fand, und wie er, so wie andere Künstler der De Stijl- Gruppe, zum Beispiel Jacoba von Heemskerck, stark von Picasso beeinflusst wurden. Mondrian selbst sagte: „Sie (die neue Gestaltung) kann sich nicht hinter dem verstecken, was das Individuelle kennzeichnet, hinter natürlicher Form und Farbe, sie muss vielmehr in der Abstraktion von Form und Farbe zum Ausdruck kommen -  in der geraden Linie  und in der zur Bestimmtheit geführten Primärfarbe.“ Immer mehr zersplitterten die Farben und Formen in seinen Werken, bis er sich auf das Grundlegende besann: die quadratischen Formen.  Indem er den Inhalt seiner Bilder auf Linien und Grundfarben reduzierte, wollte er eine „universelle Bildsprache“ zu Tage fördern, Kunst für das Volk schaffen.
Die Primärfarben waren, angetrieben von Theo van Doesburg, zugleich das Kennzeichen der Zeitschrift De Stijl, an der über die Jahre etliche Künstler von Rang und Namen, beispielsweise Severini, mitwirkten. Die Intention der Zeitschrift war es, zu einer Entwicklung eines neuen Schönheitsbewusstseins beizutragen, und zwar ganzheitlich. Der Gedanke war, wie schon im Jugendstil, alle Kunstformen zu vereinen, durch eine Grenzüberschreitung der Gattungen die Kunst auf alle Lebensbereiche auszuweiten.  So finden sich in der Ausstellung auch Möbel  sowie Entwürfe und Modelle für Häuser oder Messestände. Das Wirken der De Stijl Gruppe war weitreichend und zeigt seinen Einfluss bis heute, einige der Möbel („der rote-blaue Stuhl“ von Gerrit Rietvelds) genießen, ähnlich wie Fabrikate von Bauhaus, Kultstatus und waren Vorreiter des modernen Designs.
Betrachtet man die vernetzte Arbeitsweise der damaligen Künstler, ihr gemeinsames Schaffen, das auf ein Ziel gerichtet ist, nämlich, dem „Ottonormalverbraucher“ Kunst näher zu bringen, fällt auf: Seit dem Bauhaus gibt es diesen Gedanken in der Form nicht mehr. Künstler neigen heute eher dazu, ihre Arbeit zu mystifizieren anstatt eine Erklärung zu liefern. Auch das Kunstwerk steht meist für sich, ist dem Alltag entrückt. Und wenn Möbel kreiert werden, so sind es unbezahlbare Designerstücke.
Mondrians Werk, gerade die zweite Hälfte seines Schaffens, ist sicher keine leichte Kost, gerade wenn weiterführende Informationen fehlen. Diese und einen guten Ein- und Überblick liefert die Ausstellung, inklusive dem wehmütigen Gedanken, „so etwas könnte es doch mal wieder geben.“

Mondrian und De Stijl, Kunstbau Lenbachhaus München, noch bis 15.08.2011