Wie im Kino. Auf dem Sofa.


Bild: daserste.de


Gestern wurde ich Zeugin von Fernsehgeschichte. Nun, so drastisch wird es wohl kaum jemand bezeichnen, aber wer gestern noch Willens war, sich jenseits der Prime-Time und des Tatorts Sherlock Holmes  anzusehen, dem wird nicht entgangen sein, dass hier etwas Besonderes geschieht. Beverly Hills, Melrose Place, Friends, das war gestern. David Lynch’s Twin Peaks mag ein Vorreiter gewesen sein, und ob der idiosynkratischen Lynchschen Inszenierungsweise einigen vielleicht sogar etwas zu speziell – doch lässt sich nicht leugnen, dass „unkonventionelle“ Erzählmuster von der Kinoleinwand nun endlich den heimischen Fernsehbildschirm erobern.

Wie einst in SAW verfolgten gebannte Zuschauer gestern am Bildschirm, wie sowohl Sherlock als auch seinen Erzfeind Moriarty blutend niedersackten, oder vielmehr fielen, und ... starben. Oder etwa nicht? Natürlich nicht. Denn das Strickmuster der Serie ist analog zu Sherlocks scharfsinnigem Verstand: er weiß immer mehr, als dem Zuschauer verraten wird. Holmes ist jedem, und nicht zuletzt uns, immer einen Schritt voraus – und Inhalt und Form kohärieren für ein TV-Format geradezu unfassbar perfekt.

Einerseits ist dieses Phänomen kongenial unsere immer anspruchsvoller werdenden Sehgewohnheiten betreffend – und dennoch auch ebenso überraschend. Überraschend vielleicht daher, dass man kaum glauben mag, seinen Augen kaum traut, etwas tatsächlich hochkarätiges zu sehen ob der allseits verbreiteten Reality- und sog. "Hartz IV-TV"- Produktionen. Dabei deuteten die Entwicklungen jüngster Zeit schon in diese Richtung: Während Formate wie Grey’s Anatomy oder ähnliches noch relativ konventionell erzählt werden, ist die Rahmengeschichte bei How I met your mother schon ungewöhnlich. Während man über lange Strecken der Serie hin dazu neigt zu vergessen, dass es sich nicht nur um ein Voice-Over Teds handelt, sondern er seinen Kindern acht Staffeln lang erzählt, wie er ihre Mutter kennengelernt hat, stellt sich diese Erzählweise in einigen Folgen überraschend wieder explizit heraus. Indem er sich berichtigt, beispielsweise, oder von einer Party mit einer Ziege erzählt, die am Ende dann doch eine andere war. Das Gedächtnis trügt – und wir fallen auf einen unzuverlässigen Erzähler herein, wie er sonst nur im Kino seine großen Auftritte hatte.

Auch thematisch ist dieser Paradigmenwechsel spürbar: Dexter und Heisenberg aus Breaking Bad, eigentliche Opfer, werden zu legitimierten, ethisch vertretbaren Tätern. Anstatt einem Serienkiller auf den Fersen zu sein, hoffen wir nun, er kommt davon. Und in True Blood können Vampire zwar nicht wie Blade tagsüber herumspazieren, doch sie sind Teil einer politischen Bewegung und fast überall auch anerkannter Teil der Gesellschaft. Eine interessante Entwicklung, bedenkt man Murnaus Nosferatu vor rund 100 Jahren und die bittere Süße einer Twilight-Romanze – vom isolierten Vampir in Interview mit einem Vampir ganz zu schweigen. Plus: Neuerdings macht Vampirblut geil.

Was die neue Art zu erzählen im Fernsehen angeht, gilt auch hier: Wer Blut leckt, will mehr. Es bleibt zu hoffen, dass dies keine kurzfristige Zeitgeist-Erscheinung ist und Produzenten sowie Drehbuchschreiber uns, ganz wie Sherlock, einen kleinen Schritt vorausbleiben. 

Ich reise allein


... und in meinen Koffer packe ich ein Quäntchen About a boy, auch ein wenig  Juno – und dementsprechend vor allen Dingen eine Menge Sarkasmus der feinsten und trockensten Art.

© Neue Visionen Filmverleih
Betrunkene und Kinder sagen die Wahrheit. Was passiert, wenn ein ziemlich oft betrunkener Student und seine siebenjährige Tochter, von der er bis dato nichts wusste,  für eine Woche zusammentreffen? Ziemlich gute Dialoge, sollte man meinen – und im Fall von Ich reise allein eine etwas andere Coming of Age – Geschichte, erzählt mit viel Witz und Herz.

Nun könnte man ansetzen mit Zufallstheorien, Soziologie, bestimmt auch mit Freud oder Kant. Wäre man durch den Film, und die selbstreflexive Methodik bleibt leider nie aus, nicht auf ironische Weise daran erinnert worden, dass nicht immer alles philosophisch kontextualisiert werden muss. Der Film selbst greift dieses auf – und das ist ja das schöne an Doppelcodierung – man muss nicht wissen, wer Derrida ist, um über kleine Seitenhiebe an vergeistigte, aber ebenso weltfremde Studenten lachen zu können.

Und letztlich geht es dann eigentlich doch um Zufall-Determinismus und darum, wie schnell sich Dinge ändern können, wie etwas aus der Vergangenheit in die Gegenwart treten kann und vielleicht auch dazu bestimmt ist zu bleiben. Womit wir wieder bei dem Motiv wären, das in About a boy schon aufgegriffen wurde: Kein Mensch ist eine Insel.  Ein Schild mit der Aufschrift „Ich reise allein“ hängt um Charlotte-Isabels Hals, als sie am Flughafen ankommt. „Reisen wir nicht alle alleine?“ wirft ein Freund von Neuland-Papa Jarle ein ... und der Film selbst vermag, darauf Antwort zu geben.

Die Crux mit der Schönheit


© Marcus Schäfer, www.marcusschaefer.com / www.artpioneers.de


Begrifflichkeiten unterliegen dem Wandel der Zeit. Sei es nun Männlichkeit, Weiblichkeit, Freiheit, Moral, Obszönität, oder eben auch: Schönheit. Ob gehüllt in Seide nach Milchbad zu Kleopatras Zeiten, robust und mollig zu Rubens, oder dürr und grunge zu Moss’s – Schönheit ist immer Frage des Zeitgeists, des Trends, eines aktuellen Konsens und liegt nicht zuletzt: im Auge des Betrachters. So weit, so gut, und so weit ist das nichts Neues. Auch, das mit Aufkommen der Massenmedien Bilder von Schönheit uns gleichwohl vorgegaukelt wie diktiert werden, dürfte mittlerweile im Bewusstsein angelangt sein. Dass Medien weiterhin auch beeinflussen, ist unumgänglich: Täglich werden wir konfrontiert damit, wie wir bestenfalls auszusehen hätten und versuchen dem nach Möglichkeit mit einer Portion von Individualismus nachzukommen.

Dass auch selbige Beeinflussung persönlichkeitsabhängig ist, liegt auf der Hand. Denn keiner muss, wenn er nicht will. Nur wegsehen, das geht leider eben nicht, selbst wenn man möchte. Denn von jedem Hochglanzmagazin, an jeder Ecke, strahlt uns ein Gesicht an mit dem Versprechen, mit Produkt x dem strahlenden Gesicht, dem Traum vom Ideal, näher kommen zu können. Zu glauben, jenes Gesicht wäre dabei natürlich belassen so schön, wäre naiv, und auch das weiß der Betrachter. Im Normalfall, und natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel.

Fassen wir soweit einmal zusammen: es existiert auch in unserer Zeit ein allgemeiner Konsens darüber, was schön ist und was nicht, und dieses Ideal einer konstruierten Schönheit strahlt uns in bearbeiteter Form täglich entgegen. Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir es doch gar nicht anders!

Und selbst wenn Kampagnen wie Dove ausnahmsweise keine perfekten Körper zeigen ... finden wir das sympathisch, ja, das ist mal was anderes, da sehen wir Menschen die normal sind, wie Du und ich! Aber würden wir überall dicke, asymmetrische, kleine Menschen sehen wollen? Wohl eher kaum. Denn Tatsache ist doch, dass wir beim Betrachten einer Reklame nur allzu gerne das entgegennehmen, was uns da präsentiert wird. Und dem  unter Vorbehalt auch glauben, glauben wollen – ohne Überzeichnung des Produkts würde Werbung als solche ihre Sinnhaftigkeit verlieren. Schon auf Marktplätzen im alten Rom pries jeder Händler seine Ware als die beste an. Das ist Strategie und gutes Recht der Werbung, wenn auch kein Garant, und der Käufer weiß das. Punkt ist, ein Stück weit wird nichts anderes erwartet, man möchte hinters Licht (oder hinter schöne Fassaden) geführt werden – Darstellung von Perfektion ist Stilmittel der Medien und sollte vom kritischen Betrachter auch als solches empfunden werden, ebenso wie die Versprechen, die damit einhergehen und wahrscheinlich nicht eingelöst werden.

Dennoch ist, wie auch anhand von Dove schon gezeigt, ein gegenläufiger Trend bemerkbar: So wurde eine Kampagne angehalten, bei der Julia Roberts als „zu retuschiert“ befunden wurde. Form follows function ist ein Begriff, den Louis Sullivan bezüglich der Architektur prägte. Im Regelfall gilt für die Werbung, dass geschönt und idealisiert werden darf und sogar soll, denn von ihr wird ja erwartet, das Idealbild zu verkörpern. Hier wurde über das Ziel hinausgeschossen – ein Produkt, das für Natürlichkeit steht, sollte auch mit Natürlichkeit beworben werden, und nicht mit offensichtlich künstlicher Makellosigkeit. Scheinbar befinden wir uns an einem Punkt, an dem gefordert wird, Grenzen zu definieren. Wie viel darf und wie viel soll retuschiert werden? An welchem Punkt kippt die Werbeästhetik, welche wir als solche annehmen, ins Übertriebene? Und wäre es vielleicht tatsächlich an der Zeit, eine „lebensnähere“ Ästhetik in der Werbung einzuführen?
Die Frage die dahinter aber vor allem steht ist, ob es überhaupt möglich ist, dem gegenzusteuern. Denn wie schon festgestellt, haben wir uns bereits lange auf einen Konsens geeinigt, und Werbung ist nun einmal das, was sie ist. Den Gedanken weitergesponnen – wer würde sich für eine solche Grenzsetzung verantwortlich zeichnen? Muss etwa eine Instanz eingeführt werden, die filtert, welche Werbung natürlich genug ist und welche nicht? Und gerieten wir damit in die Nähe der Zensur? Wenn man Werbung ein Stückweit auffasst als Kunstprodukt – wäre dies dann Einschränkung der künstlerischen Freiheit?

Literarische oder künstlerische Strömungen und Entwicklungen betrachtend, erfolgt immer Wende nach Kulmination. Möglicherweise zeigt also der Fall Roberts, ungeachtet dieser Fragen, den langsamen Eintritt einer solchen Wende auf. Es gilt nicht, Antwort auf eben aufgeworfene Fragen zu geben, ein Definieren von Grenzen ist nicht möglich, denn diese verschwimmen ständig und unterliegen dem Diskurs – erst die Zeit wird Antworten finden oder andere Darstellungsmöglichkeiten aufbringen. Etwas, das seit Jahrzehnten so gefestigt ist, kann nicht von heute auf morgen einem Paradigmenwechsel unterworfen werden. Werbung ist oberflächlich und hat keinen Anspruch auf Authentizität – möglicherweise sind wir aber gerade dabei, unsere Haltung demgegenüber zu ändern. Ob diese ersten gegenläufigen Ansätze etwas bewirken und schleichend die Medien im Gesamten revolutionieren, bleibt zu bezweifeln. Aber vielleicht ist in diesen Ansätzen eine erste Grenzverschiebung bemerkbar und möglicherweise liegt die nähre Zukunft in Koexistenz beider Tendenzen. 

Israel beispielsweise beschloss nun als erstes Land per Gesetz, dass retuschierte Kampagnen als solche kenntlich gemacht werden müssen. Aber müssen sie das wirklich? Letztlich ist doch wichtig dass, auf Seiten des Betrachters, weiterhin eine kritische Haltung eingenommen werden sollte, egal wie etwas dargestellt wird. Mit McLuhan: „The medium is the message.“ Es geht nicht um den Inhalt des Dargestellten, sondern um das Medium selbst. Werbung soll stimulieren, uns und unsere Sinne ansprechen – wie im "überarbeiteten" Sinn McLuhans, the medium is the massage. Dem gilt es bewusst gegenüber zu stehen, und es in erster Linie für sich selbst zu definieren, wie weit man sich auf das lächelnde Gesicht einlassen möchte – und eben auch zu wissen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Manchmal ist es einfach nur Photoshop.


Das entwurzelte Individuum in der nächtlichen Großstadt

Gestern wagte ich mich zu etwas ganz Neuem, für mich selten dagewesen, einem Selbstexperiment, das eine ungeheuer große Menge an Mut erfordert: Ich ging alleine in den Club. Nachdem Ostern ist und alle Menschen entweder zuhause sind und Eier suchen, die Verbliebenen schlichtweg selbst Weicheier sind, dachte ich mir, ich gehe mir jetzt einfach mal neue Freunde suchen! So wirklich fündig wurde ich nicht. Gelohnt hat es sich trotzdem! Wenn auch die Ausbeute sich nur auf einen Tequila belief. Leider ist die Männerwelt nicht mehr so spendabel wie früher, aber Recht hat sie, denn ich will nur euren Alkohol. Harrharr.

Nach einigen Gläschen Prosecco traute ich mich also, im neuen Lieblingsteil, Wohlfühlen ist hier schließlich oberste Priorität!, hinter meinen Büchern hervor, um dann, nun ja, Rush Hour, meine Facebook-Nachrichten bestätigen es: exakt 37 Minuten anzustehen. Das Ergebnis deckte sich mit meinem Plan aber nur zu gut, denn wenn der Laden brennt, kann man locker lässig mit seinem Drink an der Wand lehnen, ein bisschen zum Beat (exquisit!) nicken, und sich vor allem höchst unauffällig verhalten. Der Plan war, sollte ich angesprochen werden, im Vorfeld exaktestens ausgearbeitet: Anfangs sage ich, ich warte noch auf jemanden. Später, ich habe meine Leute verloren – und am Ende sind sie eben schon weg. Als ich dann tatsächlich gefragt wurde, hielt ich mich an nichts von dem und sagte einmal „Ich verschaffe mir Überblick“, ein anderes Mal „Ich konzipiere!“ und denke, das hinterließ auch den viel besseren Eindruck, wenn ich darauf auch nicht wirklich aus war.

Überblick verschaffte ich mir aber wirklich. Ich liebe es ja, Menschen zu beobachten, so als außenstehende. Die gestern wollten wohl gern einem MTV-Videoclip entsprungen sein, sie bemühten sich redlich, und in ihrer Wahrnehmung war dem sicher auch so. Das Grinsen, das sie mir aufs Gesicht zauberten, spätestens als ich ein dickes Mädchen beim Balztanz beobachtete, allerspätestens aber, als ein anderes ihren eigenen iPhone-Code drei mal falsch eingab, muss dann sehr einladend gewirkt haben. Denn lässig wie ich so an der Wand stand und an meinem Drink nippte, blieb ich natürlich nicht lang allein!

Zuerst war da Philipp. Philipp hatte irgendwas mit Industriedesign studiert und ist jetzt Praktikant - für 400 Euro. Er hat einen Abschluss!! Wir kamen allerdings nicht zu weiteren Ausführungen einer Diskussion über unfaire Bezahlung von Akademikern, da auf einmal drei seiner Freundinnen beim Rauchen zwischen uns standen, ich fand das nicht besonders schlimm, und kaum dass sie mich verdeckten und ich eine fast mit meiner Zigarette angezündet hatte, ging ich. Überhaupt war mein Abend geprägt von polnischen Abgängen, das vermittelt mir immer so ein Gefühl absoluter Freiheit und Unabhängigkeit, denn Scheiß auf alle, ich führ mich heute selber aus!

An der nächsten Wand war dann da ein Thomas, der ein unheimlich tolles Lachen hatte und auch sonst den Schalk im Nacken, und ich stand auf seinen HipHopper-Style, nur mit 30 finde ich ist man da eigentlich langsam rausgewachsen - da er aber 1,60 groß war, war das nicht weiter tragisch. Ich ging eine rauchen und ward nie wieder gesehen, sein ständiges Gestupse und dass er immer von meinem Bier trinken wollte, fand ich auch irgendwie infantil.

Als nächstes lernte ich einen wirklich großgewachsenen, wie sagt man politisch korrekt, Afro-Deutschen?! Kennen, der hieß Lul, und ich so: LOL??? „Wir haben beide außergewöhnliche Namen, also schon mal was gemeinsam!“ meinte Lul und gab sich auch sonst sehr charmant, war leider nur nicht mein Typ, und außerdem wurden wir während dem Gespräch jäh unterbrochen von einem komischen Milchgesicht, das meinte es sei Millionär (ich tippe auf BWL-Student) und würd gern mit mir essen gehen, ein Bier springen lassen wollte es allerdings nicht. Dafür kam es mir später zu Hilfe, als Tequila-Boy und Berliner Sprayer (Akademie) Künstler Konrad dachte, sein Tequila würde mich dazu bringen, zu seinen Eltern nach Hause mit zu kommen, die haben nämlich ein Schwimmbad. Auf mein entsetztes "Ich will doch nicht in dein Schwimmbad Alter!!!" bemerkte er schlicht, ich könne ja auch mitkommen dann eben ohne Schwimmbad, und tanzte weiter vor mir her. Um ihm zu entgehen, versteckte ich mich auf dem Klo und rauchte mit einem Mädchen heimlich, schade dass sie dann gehen musste, sie wäre Anwärterin auf neue Freundin Nummer Eins gewesen. Mädchen aus Wien, wenn du das liest, melde dich bitte!

Da die Zigarette meine letzte war und unversehens auf einmal halb sechs Uhr morgens und an der Wand lehnen, so schien es mir, nicht mehr ganz so cool und lässig aussah, sondern wahrscheinlich eher verzweifelt, beschloss ich zu gehen, ehe jemand meinen beobachtenden schelmischen Blick missdeuten könnte. So tänzelte ich, beschwipst bestärkt um eine Erfahrung bereichert mit Kopfhörern im Ohr in die Morgendämmerung nach Hause und tyrannisierte Freunde, die nicht dabei gewesen waren via Sms. Denn, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, am andern Ende der Leitung ist immer jemand wach – und allein bist du nur, wenn du dich so fühlst.



Sorry... but I had... life to do!


Bild: fuckyouverymuch.dk

Leben, Uni, Lebenskrisen, Umstrukturierungen, Arbeit, Schaffensprozesse aller Art, doch ungefähre zweihundertdreiundrölfzig Klicks auch in paarwöchiger Abwesenheit können nicht trügen und hier, rastlos, zehn vor zwei nachts, mein Hintern tut weh, weil den ganzen Tag schreiben und head on heavy rotation nun mal auf den Hintern zu gehen scheinen, meldet sich die Autorin, so siehts aus - sogar mit Intention! – zu Wort.

Denn auch zwischen hardcore Softporn-Sexszenen-screenings en masse und sämtlichen sonstigen Überforderungen darf man sich was auf keinen Fall nehmen lassen? Richtig. Einen Film auch mal zwischendurch, just for fun, mit größtmöglicher Abkoppelung jedweder universitärer reizüberflutender Hintergedanken, nein, nicht mal Freud!

Deswegen an dieser Stelle in aller Kürze, Filme. Fürs Kino. Für euch.
Dass Ziemlich beste Freunde es binnen einiger Wochen selbst in der letzten Provinz geschafft hat, Anklang zu finden, ist mir nicht entgangen. Dementsprechend, wofür die Empfehlung? Pro forma. Und ich gebe zu, ich bin gegen Ende eingeschlafen. Nur ein bisschen. Und das liegt nicht daran, dass er mir nicht gefallen hätte, sondern ist vielmehr der traurigen Tatsache geschuldet, dass der Trailer so viel vorwegnahm, ebenso wie begeisterte Bekannte und Nonsense-Facebookposter meinerseits. Was lernen wir daraus? Künftig zu spät ins Kino kommen, Vorschau verpassen, nur die Lagnese-Werbung mit dem knuffigen weiche-Kern-Bär, die nehm ich vielleicht noch mit. Dennoch, und natürlich, ein Film der als Underdog und französische Produktion so unglaublich viele erreicht, hat allein schon deswegen Relevanz. Hinzu kommt der von unterschwelliger Wärme getränkte pechschwarze Humor und die ruhige Anti-Amerikanische Inszenierungsweise. Und damit einhergehend die Frage, ob Arthouse denn jetzt Mainstream wird und was dann die neue Abgrenzung zum Mainstream und ...

Sprechend davon, hoch gehandelt, zurecht Globe-Gewinner und wundervolle Reminiszenz Schrägstrich Hommage an das Stummfilmkino: The Artist. Nachdem ich ja schon letztes Jahr geschrieben hatte über The Mountain, der sich in alte Tradition einreiht, dabei aber weniger an die Öffentlichkeit gelang, nun: Ein schwarzweißer Stummfilm über einen Stummfilmstar, der sich weigert, Tonfilme zu machen. Filmreflexivität per excellence, nicht zuletzt in einer Szene, in der der Protagonist davon träumt, plötzlich überall Ton wahrzunehmen, nur selbst eben keinen solchen herausbringt. Und auch der Hund, der quasi tragende Nebenrolle in seinen Filmen hat im Film, kommt nicht zu kurz. Im eigentlichen Film. Kurzum, in einer Zeit, in der Stummfilme mehr gemieden denn gesehen werden, ein Experiment, dass es sich allemal zu sehen lohnt, auch in Anbetracht der Selbstbetrachtung des rezeptiven Prozesses. Denn es sitzt sich auf jeden Fall ungewohnt anders im Saal. Und das Kauen der Nachos kam mir unheimlich laut vor. Ungeachtet dessen: umwerfende, 30er-Jahre-Charisma-versprühende Darsteller, im Film wie im Film im Film, von der Ästhetik ganz zu schweigen, wir dürfen gespannt sein auf die Oscarverleihung.

Last but not least, ein Vorausblick auf Steve McQueens The Shame (Ab 1. März), der in Venedig schon für aufsehen sorgte und gleichwohl bedrückend wie steril  und desillusionistisch ist. Brandon, verkörpert von Michael Fassbender, ist der 2011er Ableger von American Psycho Patrick Bateman – genauso gestört, ähnlich pervers – aber „nur“ auf sexueller Ebene, das Morden bleibt aus. Und das reicht auch schon, um das unterkühlte entindividualisierte und emotionslose Dasein eines New Yorker Geschäftsmannes zu zeichnen, der mit seinem Leben nicht klar kommt. Und ob er das wird, oder ob es wie in American Psycho mit einem „No exit“ endet, davon überzeugt ihr euch lieber selbst.

Gerade findet die Berlinale statt. Noch ohne mich dieses Jahr. 

Mein Hintern und ich, wir haben nämlich wahnsinnig viel zu tun diese Woche. Und gehen jetzt schlafen. 

In Time



Bild: sf-fan.de
Oft gehört, allgemein bekanntes geflügeltes Wort: Zeit ist Geld. In Timberlakes neuestem von Fox so beworbenen Action-Thriller „In Time“ ist Motto gleich Programm: Zeit ist begrenzt, Währung, Mittel und Zweck sowie Mittel zum Zweck in einem. Die Lebensdauer jedes Menschen beträgt von Geburt an vorprogrammiert 26 Jahre, mit 25 hören sie auf zu altern. Ihnen bleibt ein Jahr, ehe die Uhr abläuft - jede darüber hinausgehende Sekunde wird erarbeitet, erkauft, hin- und hergeschoben. Per Handschlag wird bezahlt, Hände leicht gedreht, schon sieht man die digitale Zeitanzeige am linken Arm sich füllen oder leeren, toktoktoktok, Pulsschlag gleich Sekundenzeiger, verbleibender Kontostand gleich Lebenserwartung.

Vermuten könnte man nun hinter solch Grundgedanken eine tiefgreifende philosophisch-sci-fi-Matrix-artige Umsetzung des Themas. Dass dies nicht der Fall ist, sondern die Bezeichnung „Action-Thriller“ schon recht gut trifft, macht aber nichts. Ungeachtet dessen, dass mehr Action und weniger Thriller, denn zugegebenermaßen, der Thrill haut nicht gerade um, ist es doch recht unterhaltsam, Justin und seiner Gefährtin Sylvia (Amanda Seyfried) beim Wettlauf gegen die Zeit zu beobachten.

Timberlake aka. Will Salas bekommt von einer des Lebens überdrüssigen Bekanntschaft ein Jahrhundert geschenkt und flieht daraufhin vor den „Time-Keepern“, die ihn des Mordes verdächtigen. In einem Reichenviertel/Reichenzeitzone schafft er es, sich beim Pokern noch ein paar Jahrhunderte dazu zu gewinnen, muss aber Sylvia als Geisel nehmen, um fliehen zu können. So kämpfen sie gegen den Ablauf ihrer Zeit, natürlich immer bis sprichwörtlich kurz vor zwölf, und (so Fox) „ihre Liebe wird zum wichtigsten Instrument im Kampf gegen das korrupte System“. Dass zwischen den beiden Protagonisten etwas entsteht und entstehen muss, ist von vornherein klar – die Glaubwürdigkeit einer Liebesbeziehung lassen wir mal außer Acht, denn darum geht es hier schließlich nicht. Und eigentlich auch nicht darum, dass Sylvia als Tochter des Zeit hortenden Oberchefs zusammen mit Salas zum zeitverteilenden Bonnie und Clyde/Robin Hood-Pärchen avanciert.

Worum geht es denn dann eigentlich? Um den simplen Plotbaustein „Rennen, Zeit, Verfolgung“ eines actiongeladenen Streifens mit gutaussehendem, laufenden und nicht gerade doofen Hauptdarsteller, der hübsches Mädchen an der Hand mitschleift. Das kann nun ein James Bond, Bruce Willis, Colin Farrell oder sonst wer sein,  die Komponente Zeit währenddessen in Verkörperung einer Bombe, eines Entführers, ach Weltuntergangs, sei es drum. Es ist immer eine Zeit, die abläuft, und immer ist es der Zuschauer, der mit klopfendem Herz hofft, dass dies vereitelt wird. Zeitlos macht dies einen Film sicherlich nicht, als netter Zeitvertreib erfüllt er aber seinen Zweck.


Let’s start a revolution from our beds


Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu, in 30 Stunden ist 2011’s letztes Stündlein geschlagen. Mein persönliches Lieblingswort diesen Jahres: eindeutig Selbstreflexion. Naturgemäß geht jeder Mensch dieser, gerade jetzt, zur Zeit des Jahreswechsels, nach. Man beschäftigt sich damit, was man in den letzten zwölf Monaten erreicht und versäumt hat, zieht Bilanz, rekapituliert, begleicht Rechnungen oder nimmt sich vor, einige im nächsten Jahr zu begleichen, nicht zu vergessen, mehr Sport, weniger Alkohol, etc.

Interessanterweise scheint sich, wenn man sich ein wenig umhört, eine gewisse Melancholie breit zu machen. Ein Fin de Siècle-Gefühl, wenn man mich fragt. Damals war es eine Jahrhundertwende, für damalige Verhältnisse rasanter Fortschritt und Industrialisierung, neue Erkenntnisse in Physik, Biologie und Psychoanalyse, die die Menschen ermüden ließen. Ermüdung und Erschöpfung, Nervosität bis hin zu Hysterie, waren um 1900 die Schlagworte. Physikalische Begrifflichkeiten der Kraft und Energie wurden übertragen auf den Menschen, dessen Energie wiederum in Anbetracht der unaufhaltsamen Modernisierung erschöpfbar schien.

Was hat sich nun, bezogen auf diesen vorletzten Tag im Jahr 2011 geändert? In der Grundstimmung so ungefähr gar nichts. Nur nennt sich das kollektive fed up-Gefühl heute Burn out. Waren es damals Eisenbahnen und Nervensysteme, die Mensch flashten, das Wachstum von Großstädten – diese Schnelligkeit erscheint uns heute als Slow Motion. Wir haben das Internet, Autobahnen, Fast Food, One Night Stands, ein Leben auf der Überholspur. So lange, bis wir meinen, mal wieder „ausgebrannt“ zu sein und uns den nächsten Wellness-Trip buchen.

Freuds eingeführte Sprech-Therapie ist lange schon salonfähig, und wer den Weg zum Therapeuten noch nicht gefunden hat, analysiert sich eben selbst mittels Wikipedia oder kauft sich Globulis beim Homöopathen. Damalige Krisenstimmung ist auch heute noch präsent, Wirtschaftskrise, okkupieren wir halt, schrei nach Revolution, was wir ändern wollen, wissen wir aber selber nicht. Aus dem Dandy des 18ten Jahrhunderts wird der Hipster, aus der Hysterikerin die Drama-Queen, ja, wir sind alle totale Individualisten. Wie man also sieht, haben wir uns nicht nur technisch, nein auch menschlich, total weiterentwickelt.

Übersehen hierbei aber, dass das was passiert, eben nichts Neues ist. Merkmal der Postmoderne, oder sagen wir, unserer aktuellen Moderne ist es nun mal, Altes aufzugreifen und neu zu verwerten – sei es in Film, Kunst oder Mode. Und mit Sicherheit lässt sich selbstreflexives Krisengedöhns ebenso wie die Ermüdung von aktuellen Gegebenheiten nicht nur in jedem Jahrzehnt, sondern wohl auch subjektiv im Einzelnen jedes Jahr aufs Neue wiederfinden. Genauso die Gegenopposition der Freigeister, die für mehr Positivität dagegenhält. Warum also überhaupt so viel reflektieren, wenn der Gesamtzusammenhang uns epochal doch sowieso erst auf dem Sterbebett einleuchtet?

Die desillusionistische Tendenz im Fin de Siècle führte damals in den ersten Weltkrieg, zerstöre Altes, baue Neues auf, überzogen formuliert. Der Ansatz wäre heute vielleicht– vom Globalen zum Einzelnen - gar nicht verkehrt, starten wir also, mit besten Vorsätzen versehen, ermüdet, a revolution from our beds: Eine Revolution in uns selbst.