| © Marcus Schäfer, www.marcusschaefer.com / www.artpioneers.de |
Begrifflichkeiten unterliegen dem Wandel der Zeit. Sei es nun Männlichkeit, Weiblichkeit, Freiheit, Moral, Obszönität, oder eben auch: Schönheit. Ob gehüllt in Seide nach Milchbad zu Kleopatras Zeiten, robust und mollig zu Rubens, oder dürr und grunge zu Moss’s – Schönheit ist immer Frage des Zeitgeists, des Trends, eines aktuellen Konsens und liegt nicht zuletzt: im Auge des Betrachters. So weit, so gut, und so weit ist das nichts Neues. Auch, das mit Aufkommen der Massenmedien Bilder von Schönheit uns gleichwohl vorgegaukelt wie diktiert werden, dürfte mittlerweile im Bewusstsein angelangt sein. Dass Medien weiterhin auch beeinflussen, ist unumgänglich: Täglich werden wir konfrontiert damit, wie wir bestenfalls auszusehen hätten und versuchen dem nach Möglichkeit mit einer Portion von Individualismus nachzukommen.
Dass auch selbige Beeinflussung persönlichkeitsabhängig ist, liegt auf der Hand. Denn keiner muss, wenn er nicht will. Nur wegsehen, das geht leider eben nicht, selbst wenn man möchte. Denn von jedem Hochglanzmagazin, an jeder Ecke, strahlt uns ein Gesicht an mit dem Versprechen, mit Produkt x dem strahlenden Gesicht, dem Traum vom Ideal, näher kommen zu können. Zu glauben, jenes Gesicht wäre dabei natürlich belassen so schön, wäre naiv, und auch das weiß der Betrachter. Im Normalfall, und natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel.
Fassen wir soweit einmal zusammen: es existiert auch in unserer Zeit ein allgemeiner Konsens darüber, was schön ist und was nicht, und dieses Ideal einer konstruierten Schönheit strahlt uns in bearbeiteter Form täglich entgegen. Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir es doch gar nicht anders!
Und
selbst wenn Kampagnen wie Dove ausnahmsweise keine perfekten Körper zeigen ...
finden wir das sympathisch, ja, das ist mal was anderes, da sehen wir Menschen
die normal sind, wie Du und ich! Aber würden wir überall dicke, asymmetrische,
kleine Menschen sehen wollen? Wohl eher kaum. Denn Tatsache ist doch, dass wir
beim Betrachten einer Reklame nur allzu gerne das entgegennehmen, was uns da
präsentiert wird. Und dem unter
Vorbehalt auch glauben, glauben wollen – ohne Überzeichnung des Produkts würde
Werbung als solche ihre Sinnhaftigkeit verlieren. Schon auf Marktplätzen im
alten Rom pries jeder Händler seine Ware als die beste an. Das ist Strategie
und gutes Recht der Werbung, wenn auch kein Garant, und der Käufer weiß das.
Punkt ist, ein Stück weit wird nichts anderes erwartet, man möchte hinters
Licht (oder hinter schöne Fassaden) geführt werden – Darstellung von Perfektion
ist Stilmittel der Medien und sollte vom kritischen Betrachter auch als solches
empfunden werden, ebenso wie die Versprechen, die damit einhergehen und
wahrscheinlich nicht eingelöst werden.
Dennoch
ist, wie auch anhand von Dove schon gezeigt, ein gegenläufiger Trend bemerkbar:
So wurde eine Kampagne angehalten, bei der Julia Roberts als „zu retuschiert“
befunden wurde. Form follows function
ist ein Begriff, den Louis Sullivan bezüglich der Architektur prägte. Im
Regelfall gilt für die Werbung, dass geschönt und idealisiert werden darf und
sogar soll, denn von ihr wird ja erwartet, das Idealbild zu verkörpern. Hier
wurde über das Ziel hinausgeschossen – ein Produkt, das für Natürlichkeit steht,
sollte auch mit Natürlichkeit beworben werden, und nicht mit offensichtlich
künstlicher Makellosigkeit. Scheinbar befinden wir uns an einem Punkt, an dem
gefordert wird, Grenzen zu definieren. Wie viel darf und wie viel soll
retuschiert werden? An welchem Punkt kippt die Werbeästhetik, welche wir als
solche annehmen, ins Übertriebene? Und wäre es vielleicht tatsächlich an der
Zeit, eine „lebensnähere“ Ästhetik in der Werbung einzuführen?
Die
Frage die dahinter aber vor allem steht ist, ob es überhaupt möglich ist, dem
gegenzusteuern. Denn wie schon festgestellt, haben wir uns bereits lange auf
einen Konsens geeinigt, und Werbung ist nun einmal das, was sie ist. Den
Gedanken weitergesponnen – wer würde sich für eine solche Grenzsetzung
verantwortlich zeichnen? Muss etwa eine Instanz eingeführt werden, die filtert,
welche Werbung natürlich genug ist und welche nicht? Und gerieten wir damit in
die Nähe der Zensur? Wenn man Werbung ein Stückweit auffasst als Kunstprodukt –
wäre dies dann Einschränkung der künstlerischen Freiheit?
Literarische
oder künstlerische Strömungen und Entwicklungen betrachtend, erfolgt immer
Wende nach Kulmination. Möglicherweise zeigt also der Fall Roberts, ungeachtet dieser
Fragen, den langsamen Eintritt einer solchen Wende auf. Es gilt nicht, Antwort
auf eben aufgeworfene Fragen zu geben, ein Definieren von Grenzen ist nicht
möglich, denn diese verschwimmen ständig und unterliegen dem Diskurs – erst die
Zeit wird Antworten finden oder andere Darstellungsmöglichkeiten aufbringen.
Etwas, das seit Jahrzehnten so gefestigt ist, kann nicht von heute auf morgen
einem Paradigmenwechsel unterworfen werden. Werbung ist oberflächlich und hat
keinen Anspruch auf Authentizität – möglicherweise sind wir aber gerade dabei,
unsere Haltung demgegenüber zu ändern. Ob diese ersten gegenläufigen Ansätze
etwas bewirken und schleichend die Medien im Gesamten revolutionieren, bleibt
zu bezweifeln. Aber vielleicht ist in diesen Ansätzen eine erste
Grenzverschiebung bemerkbar und möglicherweise liegt die nähre Zukunft in
Koexistenz beider Tendenzen.
Israel
beispielsweise beschloss nun als erstes Land per Gesetz, dass retuschierte
Kampagnen als solche kenntlich gemacht werden müssen. Aber müssen sie das wirklich? Letztlich ist doch wichtig dass, auf
Seiten des Betrachters, weiterhin eine kritische Haltung eingenommen werden
sollte, egal wie etwas dargestellt wird. Mit McLuhan: „The medium is the
message.“ Es geht nicht um den Inhalt des Dargestellten, sondern um das Medium
selbst. Werbung soll stimulieren, uns
und unsere Sinne ansprechen – wie im "überarbeiteten" Sinn McLuhans, the medium is the massage. Dem gilt es
bewusst gegenüber zu stehen, und es in erster Linie für sich selbst zu definieren,
wie weit man sich auf das lächelnde Gesicht einlassen möchte – und eben auch zu
wissen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Manchmal ist es einfach nur
Photoshop.
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