Wenn Worte meine Sprache wären



Manchmal würde ich Worte gerne festhalten können, während sie so durch die Luft schwirren, dich soeben verlassen haben, mich vielleicht noch nicht ganz erreicht, aus deinen Gedanken externalisiert wie ein Voice Over eines Erzählers eines Filmes, der von Momentaufnahmen handelt. Er erzählt von lautlos berauschten Momenten stiller Gedanken, der unausgesprochenen Sehnsüchte, der Begierde, von Zuneigung 
gar, irgendwo zwischen den Zeilen. Von unbewusst angedeuteten Versprechungen, stets unter dem Deckmantel der Unverbindlichkeit und Privatheit.

Jeden der im virtuellen Raum rumschwebenden Buchstaben möchte ich einzeln greifen und unter meinem Kopfkissen verstauen, um sie herausholen und anfassen und herumdrehen und begreifen zu können, wenn ich das Gefühl habe, sie entgleiten mir. Möchte jedes Wort genau abwägen können, haptisch, sensuell, sie ordnen, um Fehlinterpretationen und Buchstabensuppe zu vermeiden. Möchte sie ihrem geschriebenen Status entreißen, sie real werden lassen, mir deuten lassen, was das Wort „Bedeutung“ eigentlich für eine Bedeutung hat.

Dann würde ich ihnen zuhören, was genau sie eigentlich zu sagen haben, sie fragen, ob sie nicht eigentlich etwas anderes meinen – und warum sie gewisse Dinge nur spät Nachts auszusprechen wagen, von Rechtschreibfehlern durchsetzt. Oder warum sie dann wieder ausbleiben. Würde einige von ihnen kräftig durchrütteln, andere eng an mich drücken, sie zwingen mich anzusehen und zu fühlen, was ihnen in ihrer schlichten Existenz möglicherweise entgeht.  Ihnen zeigen, wie wertvoll sie sind, ihre Existenzangst nehmen, die Tür öffnen zu einem Wunderland, in dem sie nicht nur Schall und Rauch einer rauchenden Raupe sind.

Wir würden uns aneinandergeklammert gegenseitig versichern, dass sie nicht nur Zusammenschluss semiotischer Zeichen sind oder Teile von Syntax, sondern Wahrheit. Uns würde klar, dass das Medium die Botschaft ist, und Kommunikation wäre nicht zu komplex. In einer Black Box säßen wir dann und würden kichern über vorherige Missverständnisse und –deutungen, würden uns endlich zu fassen kriegen. Bis uns dann auffiele, was wir übersehen hatten: Ein kleines Wörtchen. Vier Buchstaben. „Wenn.“

The Good Fellas are back!


Jüngst feiern die Gangster, die Auftragskiller, diese so irgendwie „coolen“ Männer, die das Morden zum Beruf gemacht haben, wieder ein Comeback in den Kinos. Aktuell im Kino zu sehen ist Ruben Fleischers Gangster Squad, am 2.5.2013 startet The Iceman von Ariel Vromen.
Zweiterer handelt von Richard Kulinski, dem „Iceman“, der für New Yorker Gangsterbosse die Drecksarbeit erledigt – eiskalt ist er, emotionslos tötet er Menschen – und noch dazu ist/war er real. 1986 wurde Kulinski wegen Mordes an 100 Menschen verurteilt. Neben seinem Job hatte er aber, und hier wird die Parallele zu Gangstern wie Henry Hill aus Good Fellas  spürbar, ein stabiles Familienleben, eine Frau, (Winona Ryder), zwei Töchter, in deren Augen er das Haus schlicht zur Arbeit verließ und wieder kam. Bis Polizisten sein Haus umstellten und er sich, eindringlich gespielt von Michael Shannon, in Haft wiederfindet, doch: um Vergebung möchte er gar nicht bitten.
Im Gegensatz zu Good Fellas, dessen Hauptdarsteller Ray Liotta hier den Boss geben darf, der er bei Scorsese aufgrund seiner halbitalienischen Wurzeln nicht sein durfte, wird der Job als solcher noch stärker ausgespielt, denn: Auftragskiller können auch gekündigt werden. Haben eine Familie zu versorgen, müssen schauen, bei wem sie dann anheuern können. Während in Good Fellas stark die Nebensächlichkeit des Mordens herausgestellt wurde, mit Kochen parallelisiert, fast schon ironisch inszeniert wurde mittels Musik (wie auch später in Bezug hierauf in Tarantinos Reservoir Dogs), ist das Morden bei Vromen cold as ice, als Broterwerb unerlässlich. Die Darstellung ist, obwohl beide Filme auf wahren Begebenheiten beruhen, wesentlich weniger distanziert und realistischer, und vor allem: nicht wertend.
Auf wahrer Begebenheit fußt auch der aktuellen Gangster Squad: Wie einst Good Fellas ist auch dieser Film ganz den Genrekonventionen verschrieben, die Gangster sehen in ihren Anzügen verdammt gut aus, die Schießereien sind ästhetisiert und in Slow-Motion – was, gerade in Hinblick auf Scorsese oder Tarantino nun wahrlich nichts schlechtes bedeuten muss. Mimisch absolut auf den Punkt und grandios fügt sich auch Sean Penn in seiner Rolle als Mickey Cohen, der vom Squad rund um Publikumsliebling Ryan Gosling alias Sgt. Jerry Wooters gejagt wird. Doch das vielversprechende Geballer durch die Leinwand im Trailer  verspricht einen Deut zu viel: Action, Ästhetik, Kostüm, Penn – helfen am Ende leider nicht darüber hinweg, dass der Film sich letztlich selbst zu ernst nimmt und verklingt in pathetisch-amerikanischem „eure Polizisten sind jeden Tag für euch auf der Straße“- Gedöhns.  Schön anzusehen ist das ja, doch wo The Iceman  und Goodfellas in Zelebration und Schilderung von Gangster-(Kunst-) Figuren das Noir-Genre hochhalten, die hässlichen Seiten zeigen, wird es bei Gangster Squad am Ende fast zur Farce, zur reinen Performanz seiner selbst, zum hohlen Pathos. 

Von Taschen und Kunst


Ein Kleid ist ein Kleid ist ein Kleid und eine Tasche nicht viel mehr als ein Produkt, dienlich der Aufbewahrung von Gegenständen, die man mit sich rumträgt, könnte man meinen. Verleiht man dem Kleid aber das Attribut „kurz“ und noch „schwarz“, wird dem augenblicklich eine andere Bedeutung beigemessen: es wird nicht nur getragen, weil es Sommer ist, es ist nicht mehr nur zweckdienliche Kleidung, es hat eine Funktion. Sexy soll es sein, verführerisch, verrucht. Ein Glas Wein an die roten Lippen geführt, Aufmerksamkeit erregt - und der Sieg ist uns sicher. 

So kann auch eine Tasche mehr als nur eine Tasche sein: als Symbol der Verbundenheit, als politische Geste fungierte sie 1995 Bernadette Chirac, die Lady Di eine Dior-Tasche überreichte, welche zum Klassiker avancierte und sich bis heute unter dem Namen Lady Dior größter Beliebtheit erfreut. Mode ist, so zeigt sich, kontextabhängig und kann, in neue Beziehung gesetzt, mehr als nur Kleidung sein, sie kommuniziert auf verschiedensten Wegen und lässt Freiraum für Interpretation.
Dass Mode in Kontextverschiebung auch Kunst sein kann und Kunst Mode, ist in diesem Zusammenhang offenkundig, doch die Frage ist: wann? Am ehesten wohl dann, wenn sie ihre Funktionalität abstreift und (fast) untragbar wird, wie bei Alexander McQueen mit seinen dramatisch-morbiden Tier-Stoff-Metamorphosen oder wenn ihr konzeptuell jeglicher Bezug zum üblichen Pomp genommen wird wie bei Margiela. Dieser bemühte sich darum, der Kleidung neue Formen zu verleihen, gleichwohl wie seine Mode stets einer konsequenten und konzipierten Philosophie folgte und sich selbst als eine solche konzipierte (nach außen gestülpte Nähte, verhüllte Modells etc.) offenbarte. Die Nähe zu Konzeptkünstlern wie Marcel Broodthaers ist hier am meisten spürbar – denn letztlich liegt der Kunst immer ein Gedanke zu Grunde, fruchtbar wird sie in und durch ihn.

Am Ende ist ein Designer auch immer ein Künstler: er beherrscht das Handwerk und schöpft kreativ, er hat das, was wir gemeinhin als „den Blick“ bezeichnen könnten, wie Tom Ford in der grandiosen Inszenierung seines Regiedebuts A Single Man (2011) zeigte. Dass Künstler wiederum aber auch in symbiotische Wechselwirkung mit Mode treten, zeigt sich an Beispielen wie Cindy Sherman, die stereotypische Kleidung für ihre Selbstinszenierungen nutzte oder Andy Warhol, der Kleider mit der Campbell-Aufschrift bedruckte – ein weiteres Postulat zur Oberflächlichkeit. Ein Statement setzte auch Jana Sterbaks 1987 in Form eines „Flesh Dress for an Albino Anorectic“, das erst unlängst in ähnlicher Form an Lady Gaga für Furore sorgte.
„Die Grenze zwischen einer Kunst, die sich textiler Materialien und modischer Elemente bedient, um einen primär künstlerischen Prozess in Gang zu setzen, und einer Mode, die zumindest theoretisch von der Grundidee der Tragbarkeit ausgeht, ist dabei kaum mehr klar definierbar – Wie überhaupt Kunst und Nicht-Kunst nicht mehr eindeutig zu trennen sind“, schreibt Gertrud Lehnert und rekurriert dabei auf den inzwischen verschwimmenden Kunstbegriff – man könnte fast sagen, alles kann Kunst sein, nichts muss. Zum Zusammenhang von Kunst und Mode könnte man sagen, die Mode ist der Kunst dann am nächsten, wenn sie sich zweckentfremdet, die Kunst der Mode aber dann, wenn sie sich der Mode für ihre Zwecke bedient.

Kommen wir zurück zu der Tasche, die nun mehr als eine Tasche ist, ein Klassiker, schlicht, für die Lady von Welt. Auch sie schaffte es letztes Jahr ins Museum, denn ihr zu Ehren ließen sich etliche namhafte Künstler inspirieren („As seen by“) und gestalteten sie nach ihren Vorstellungen um. Dabei heraus kamen durchaus ansehnliche, interessante Exponate: Amorph und deformiert kam die Lady Dior daher bei Peter Macapia, zu aufbrechendem Eiskristall erstarrte sie bei Olympia Scarry und die Recycle Group sprengt sie, so scheint es, nagelfömig auf. Namhafte Fotografen nahmen sich ihrer an, wie Nan Golding oder David Lynch – der sie, wie üblich, in seine eigene mythische Bildsprache übersetzte – besonders prägnant im Promo-Video Lady Blue Shanghai mit Marion Cotillard.

Nun sind diese „Taschen“, die keine mehr sind, zweifelsohne zweckentfremdet, nicht mehr zu gebrauchen, oder auf einer Fotografie in kontextverschobenen Inhalt gebettet und somit nach vorangehender These Kunst. Die Crux daran ist jedoch, dass dies für Dior paradoxerweise gerade durch die Zweckentlehnung einen Zweck verfolgt: sie wird zu Kunst erhoben. Und welcher Zweck steht für die Künstler dahinter, außer dem Auftrag? Gerade bei einem Nonkonformisten wie Lynch ist der Gedanke, er ließe sich von selbst von einer Dior-Tasche inspirieren, geradezu irreal.
Und, dennoch: Denken wir einmal zurück in eine Zeit, in der Mode Privileg des Adels war, Diktat des Hofes. Welche Stellung hatte die Kunst damals? Es handelte sich meist um Auftragsarbeiten. Die wir heute in den Museen wiederfinden.



I... I... follow...


"Schluckst du die blaue Kapsel ist alles aus, du glaubst was du glauben willst. Schluckst du die rote Kapsel bleibst du am Leben. Bedenke, alles was ich dir anbiete ist die Wahrheit." -  so Morpheus zu Neo, um welchen Film es sich handelt, bedarf wohl keiner Erwähnung. Nun handelt Matrix aber von verschiedenen Realitäten – von einer, die den Menschen via Computersimulation rein innerweltlich vorgespielt und aufrecht erhalten wird, und einer anderen, der „wirklichen“ und äußeren Realität, die sich als weitaus unverblümtere entpuppt und in der Menschen von Maschinen an Schläuchen gehalten werden. Im Folgenden möchte ich ein Gedankenexperiment anwenden: Übertragen wir die Matrix auf unsere Realität – und nehmen an wir schlucken tagtäglich die blaue Kapsel, ohne uns dessen bewusst zu sein. Und damit meine ich nicht, dass unsere Körper tatsächlich von unserem Geist getrennt in Maschinenöl verschimmeln, ebenso wenig wie ich mich über Konstruktivismus auslassen möchte und darüber, wie der subjektive Blick oder die Medien eine Sicht auf die Welt konstruieren. Nein, die Frage ist: Ist in der heutigen Zeit, so „gefangen“ zwischen Innen und Außen, Auge in Auge mit der großen Welt, Stress, Hektik, iPhone und portionierten Freundschaften nicht das viel größere Wagnis, sich, dialektisch zum Film, in die Innenwelt zu begeben?

Die rote Kapsel schluckend konfrontiert man sich so mit Dingen, die in der Realität unseres Alltags nichts verloren haben: In Grün sehen wir die Lettern der Verflossenen an uns vorbei rasseln, die Körbe, den Schmerz ... nun haben wir uns aber schon entschieden, also Folgen wir dem Hasen. Und beginnen zu rationalisieren. Versuchen den Code zu begreifen, stellen uns selbst in Frage und vor allem: Jeden auf den wir treffen. Ist er/ sie der Auserwählte, et vice versa? Bedacht hoppeln wir weiter. Wägen ab, erstellen imaginäre Checklisten. Ringen mit Unbekannten, versuchen alle Variablen zu eliminieren, denn Konstanten sind gut. Hard facts, die uns Haken um Haken auf der Liste sicherer machen – hier könnte Neo am Haken sein. Oder Nemo, wie’s eben beliebt. Kommen dennoch nicht umhin zu zweifeln, kompromisslos, dem Perfektionismus entgegenstrebend: 100 Prozent! Und vergessen dabei die einfache und simple Frage: fühlt es sich gut an oder nicht? Der Clou nämlich an der Sache mit den 100 Prozent ist der, wenn es passt, werden aus 80 Prozent 100 – in Erfüllung des Pareto-Effekts, so quasi. Auch für Trinity ist der Beweis, dass Neo der Auserwählte ist, schlicht und sehr ergreifend: Dass sie ihn liebt. So einfach könnte es sein, ist es aber natürlich nur im Film.

Die Matrix in unseren Köpfen hingegen ist geprägt von Ängsten und Zweifeln, verursacht von negativen Erfahrungen und Vorsicht. Dabei sollten, so schreibt auch Paulo Coelho in Der Zahir, Zyklen beendet werden, keine Erwartungen gestellt, keine Ängste gehabt werden, „nicht aus Stolz, Unfähigkeit oder Hochmut, sondern einfach nur, weil sie nicht mehr in dein Leben passen. Schließe die Tür, lege eine andere Platte auf, räum dein Haus auf, schüttele den Staub aus. Höre auf zu sein, der du warst, und werde der, der du bist.“ Dass dies nicht immer einfach ist – die Rede ist immerhin von selbsterschaffenen Agenten die bewältigt werden müssen! -  versteht sich von selbst. Eine Herausforderung, die rote Kapseln nun mal so mit sich tragen. Umgehen lassen sich Déjá-Vus, Fehler in der Matrix, nicht – aber man kann versuchen, das System zu optimieren.

Die Crux, die dennoch bestehen bleibt, ist ein möglicherweise zu komplexes System des Gegenübers, undurchdringlich, vielleicht gar verworrener als das eigene. So läuft die Schnittmenge, die Beziehung, um die es letztlich geht, oftmals Gefahr, eingekeilt zu sein zwischen zwei Egos, ein „Dazwischen,“ das vor lauter Abwägung der Konstanten verkümmert. Nehmen wir der bildhafteren Verständlichkeit halber doch einen metaphorischen Gegenstand zu Hilfe, einen Löffel beispielsweise. Du kannst versuchen, ihn zu verbiegen... Dann wirst du sehen, dass nicht der Löffel sich biegt, sondern du selbst.

360

Bild: theiapolis.com

Wo sind denn hier die 360°? Das schließt sich gar nicht richtig! Dachte ich mir zuerst und suchte die  Dramaturgie des Episodenfilms, bei der jeder einzelne Strang für sich und für jeden Charakter geschlossen wird. Dann malte ich die Figurenkonstellation auf – et voilá: der Kreis schließt sich.

Inspiriert von Arthur Schnitzlers Reigen treffen immer zwei Figuren aufeinander, von denen eine wiederum die Handlung fortträgt in die nächste Szene und so fort, bis das Ende auf den Anfang trifft. Analog zum Reigen beginnt die Kette mit einer Prostituierten: Michael Daly, gespielt von Jude Law, hatte sie eigentlich gebucht und nimmt ihre Dienste dann doch nicht in Anspruch was, erinnernd an die Kugel eines Newton-Pendels, die das weitere Geschehen anstößt. Und ganz klar ist auch hier wie im Reigen Sex die verbindende Komponente, das handlungskonstituierende Element: Betrug, Begehren, Nicht-zustandekommen,  auch ein Vergehen hängt im Raum.

Die Hierarchisierung jedoch, die bei Schnitzler noch eine tragende Rolle spielte, von Dirne und Soldat bis hin zu Schauspielerin und Graf und wieder zurück zur Dirne, ist als solche so plakativ nur bei dem finalen Aufeinandertreffen der Prostituierten Blanka mit einem russischen Mafioso-Boss spürbar – und wird, im Stück wird dies offengelassen – aufgelöst. Gerade bei der Begegnung einer betrogenen jungen Frau mit Hopkins (Name der Rolle unbekannt) fällt sie jedoch subtiler aus: Sie könnte höchstens als Gegenüberstellung von alt und jung verstanden werden – insofern sinnvoll, da wir heutzutage keine Ständekluft mehr haben, die es zu überwinden gäbe.

So kommt es, dass, wie es dem 21. Jahrhundert gebührt, alt auch von jung lernen kann: „Du bekommst Gelegenheiten nur einmal in deinem Leben“, liest Hopkins auf einem ihm hinterlassenen Zettel, ein Gedanke, der ihm endlich seine verlorene Tochter loslassen erlaubt. So steht auch dieser Film, ähnlich wie Sliding Doors oder Lola rennt in der Tradition der Forking Paths. Es sind Weggabelungen in Form von Entscheidungen, die sich uns täglich darbieten – und wären wir heute an der selben Stelle, wenn wir auch nur einmal einen anderen Weg eingeschlagen hätten?

360 demonstriert, wie die Entscheidung eines Geschäftsmannes, seine Frau nicht zu betrügen, eine globale Ereigniskette in Gang setzt, die dem ersten Glied einen Neubeginn, eben das Beschreiten eines neuen Weges, ermöglicht. Gerade durch den globalen Faktor und die vielen Figuren neigt der Film dazu, etwas unübersichtlich zu werden und erst in längerer Auseinandersetzung offenbart sich die kreisförmige Struktur – er zeigt jedoch auch, wie aktuell Dramen wie der Reigen auch heute noch sind.Wo sind denn hier die 360°? Das schließt sich gar nicht richtig! Dachte ich mir zuerst und suchte die  Dramaturgie des Episodenfilms, bei der jeder einzelne Strang für sich und für jeden Charakter geschlossen wird. Dann malte ich die Figurenkonstellation auf – et voilá: der Kreis schließt sich.

Inspiriert von Arthur Schnitzlers Reigen treffen immer zwei Figuren aufeinander, von denen eine wiederum die Handlung fortträgt in die nächste Szene und so fort, bis das Ende auf den Anfang trifft. Analog zum Reigen beginnt die Kette mit einer Prostituierten: Michael Daly, gespielt von Jude Law, hatte sie eigentlich gebucht und nimmt ihre Dienste dann doch nicht in Anspruch was, erinnernd an die Kugel eines Newton-Pendels, die das weitere Geschehen anstößt. Und ganz klar ist auch hier wie im Reigen Sex die verbindende Komponente, das handlungskonstituierende Element: Betrug, Begehren, Nicht-zustandekommen,  auch ein Vergehen hängt im Raum.

Die Hierarchisierung jedoch, die bei Schnitzler noch eine tragende Rolle spielte, von Dirne und Soldat bis hin zu Schauspielerin und Graf und wieder zurück zur Dirne, ist als solche so plakativ nur bei dem finalen Aufeinandertreffen der Prostituierten Blanka mit einem russischen Mafioso-Boss spürbar – und wird, im Stück wird dies offengelassen – aufgelöst. Gerade bei der Begegnung einer betrogenen jungen Frau mit Hopkins (Name der Rolle unbekannt) fällt sie jedoch subtiler aus: Sie könnte höchstens als Gegenüberstellung von alt und jung verstanden werden – insofern sinnvoll, da wir heutzutage keine Ständekluft mehr haben, die es zu überwinden gäbe.

So kommt es, dass, wie es dem 21. Jahrhundert gebührt, alt auch von jung lernen kann: „Du bekommst Gelegenheiten nur einmal in deinem Leben“, liest Hopkins auf einem ihm hinterlassenen Zettel, ein Gedanke, der ihm endlich seine verlorene Tochter loslassen erlaubt. So steht auch dieser Film, ähnlich wie Sliding Doors oder Lola rennt in der Tradition der Forking Paths. Es sind Weggabelungen in Form von Entscheidungen, die sich uns täglich darbieten – und wären wir heute an der selben Stelle, wenn wir auch nur einmal einen anderen Weg eingeschlagen hätten?

360 demonstriert, wie die Entscheidung eines Geschäftsmannes, seine Frau nicht zu betrügen, eine globale Ereigniskette in Gang setzt, die dem ersten Glied einen Neubeginn, eben das Beschreiten eines neuen Weges, ermöglicht. Gerade durch den globalen Faktor (Wien, London, Paris, Flughäfen) und die vielen Figuren neigt der Film dazu, etwas unübersichtlich zu werden und erst in längerer Auseinandersetzung offenbart sich die kreisförmige Struktur – er zeigt jedoch auch, wie aktuell Dramen wie der Reigen auch heute noch sind.

Twixt – it’s all in the mix


Bild: www.filmfest-muenchen.de
Eine Kirchturmuhr mit sechs Uhren, derer jede eine andere Zeit anzeigt – man sagt, der Teufel wohne ihr inne – ist der mystische Mittelpunkt einer kleinen Ortschaft, in der nicht nur nicht sicher ist, wie spät es denn nun sei, nein, die Zeit scheint still zu stehen, während sich die Ereignisse für Horrorbuchautor Hall Baltimore überschlagen. In der Rolle der untersetzte Val Kilmer, auf der Mission sein neues Buch zu promoten findet er eine Story, Vampirismus, Serienmord.

Francis Ford Coppola inszeniert – endlich wieder! – zwar keinen Epos wie in früheren Tagen, jedoch eine Gothic-Novel in der Tradition Poes, der auch selbst auftreten darf. In Träumen und im Rausch, niedergestreckt, begibt sich Hall auf die Spur der geheimnisvollen Schauergeschichte. Es Verweben sich Inspiration und Story, Binnenmärchen und Plot, „And it will have a twisted ending!“ verspricht er seinem Verleger – der Film hält das Versprechen ein.

Visuell konteragieren die halluzinogenen Nachtsequenzen mit denen bei Tag – wobei erstere in 3D gedreht wurden, dem Publikum jedoch ohne Brille gereicht werden. Dennoch wirken sie plastisch und unwirklich, schwarzweiß, ein Hauch von Neo-Noir und möglicherweise ein leises Statement einer gealterten Regiegröße: Ich kann das auch! Aber zu sehen bekommt ihr es nur zur Hälfte.

Coppola selbst soll gesagt haben, er begann seine Karriere wie ein alter Meister und nun wolle er sie zu Ende bringen wie ein Jungregisseur, was ihm gelingt: Das Ergebnis ist eine unterhaltsame Mischung aus Adaptation und Sin City, kein Meisterwerk, aber kurzweilig.



Spieglein, Spieglein ...

... an der Leinwand, zwei Schneewittchen-Verfilmungen in einem Jahr sind allerhand.
Ohne uns mit kulturwissenschaftlichen Überlegungen aufzuhalten, was wohl die Gründe für die Anhäufung von Märchenverfilmungen und -filmen der letzten Jahre sein mögen (von den Gebrüdern Grimm über Sternenwanderer bis Shrek und sämtlichen Fernsehproduktionen), die beiden aktuelle Schneewittchen-Adaptionen Snow White and the Huntsman und Spieglein Spieglein – die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (im Folgenden mit SW und SS abgekürzt) im direkten Vergleich.

Der Apfel.
Bild: studiocanal.de
Ein Märchen, das in seinen Grundzügen immer noch das selbe Märchen bleiben will, wird in einer Neuadaption nicht umhin kommen, das altbekannte Motiv zwar aufzurufen, es aber zu variieren. So kommt dem Todesstarre bringenden Apfel in SS nur mehr die Funktion einer kleinen ironischen Pointe am Ende zu – auf einen Apfel fällt Schneewittchen von Heute nicht mehr herein. In SW dagegen schon, jedoch  liegt es hier am Mittler: Die böse Stiefmutter kommt nicht mehr in Gestalt einer Hexe, sondern in der eines Vertrauten.

Der Spiegel
Das  Mittel schlechthin, die Animationstechnik zeitgenössischen Films zu zelebrieren. Ob nun die Königin, verkörpert von Julia Roberts, in SS in Matrix-manier hineintaucht und sich in einer surrealen Anderswelt wiederfindet, oder die glatte goldene Oberfläche in SW langsam beginnt amorph zu zerlaufen, um als Gestalt vor Charlize Theron zu erstarren -  es bündelt sich gerade in den Szenen, in denen die Königin auf ihren Spiegel trifft, der Einsatz technischer Visualität und Virtuosität.
SW geht aber noch einen Schritt weiter, indem er sorgfältig, phantasievoll, und stellenweise ebenso eindrucksvoll inszeniert – während SS oftmals eher auf Humor setzt, wenn die Königin ihrer Schönheitsroutine nachgeht, beispielsweise.

Schneewittchen
Schneewittchen ist schön (wenn man so will) und gut, wenn nicht sogar „das Leben selbst“, die Verkörperung alles Reinen und aller Unschuld. Viel mehr ist nicht zu sagen – viel mehr muss sie nicht können. Dies betrifft auch Darstellerinnen Kristen Stewart und Lily Collins – aber wen kümmert’s, sind doch die Rollen des Gegenparts hochkarätig besetzt.

Die Königin
Julia Roberts mit ewig ironisch-zickigem Unterton ist, wie schon erwähnt, beizeiten recht amüsant anzusehen. Interessant ist auch, wie hier versucht wird, einen historischen Pseudorealismus hineinzubringen: Nicht von ungefähr leidet und hungert ihr Volk und ihre Eitelkeit erinnert stark an Marie Antoinette. Eitelkeit ist auch schon das Stichwort – diese scheint ihre einzige Bestrebung zu sein, die einzige Motivation zum Bösen – wie es in Analogie mit ihrem Spiegelbild schon im Märchen war. Auch die Parallele zu Wild’s Dorian Gray lässt sich weder leugnen, noch übersehen – vielleicht nicht der schlechteste Einfall, ebenso wenig aber auch der originellste.

© Universal Pictures

Noch interessanter allerdings ist, dass der Figur der Charlize Theron erstmals psychologische Tiefendimension beigemessen wird. Dass ein Mann, der ihr einst das Herz brach, Schuld an allem Übel ist und zudem auch ihre Mutter, die ihr sagte, ihre Schönheit sei ihr ganzes Kapital, mag zwar arg feministisch sein und ein sehr holzschnittartig entwickelter Ursprungskonflikt, dennoch vermögen gerade diese Aspekte, der Figur gewisse Menschlichkeit und Gebrechlichkeit zu verleihen. Die böse Stiefmutter ist nicht mehr „einfach nur böse“, sie ist es aus Schmerz und Verbitterung, eine Emanze mit fehlgeleiteten Idealen, einsam und nur noch Erfüllung findend in Schönheit und ewiger Jugend.

Insofern ist auch eine Kontextverschiebung nicht verwunderlich, was die Männer angeht: Der Prinz wird zum Freund, der Jäger, wie der Titel „and the Huntsman“ schon besagt, zum Begleiter und Retter – in einer Zeit, in der Äpfel ihren verwunschenen Wert verwirkt haben, brauchen Prinzessinnen auch keinen Prinzen mehr.

Mit neuen Mitteln und viel Kreativität  gelingt beiden Filmen, SW aber noch mehr als SS, der visuell angereicherte, effekt- und spannungsgeladene Transfer vom Märchen zum Film, der sich als Fantasy-Abenteuer größter Aktualität erfreut. Snow White and the Huntsman besticht jedoch mit mehr Originalität, Düsterheit, einer brillanten Optik und nicht zuletzt mit einer grandiosen Charlize Theron und lässt Spieglein Spieglein somit als kinderfreundlicheren, „netten“ Film hinter sich.