Kopf vs. Bauch


Bild: fuckyouverymuch.dk

„Hör auf zu denken!“ denke ich mir und mache trotzdem weiter. Oder gerade deswegen. Oszillierend zwischen stream of consciousness und Leerlauf starre ich aus dem Fenster, kalter Rauch steigt aus dem Aschenbecher, draußen ist es dunkel, in meinem Kopf auch, Birne aus in der Birne. Wo das rettende Lämpchen darüber? Klick, Kopf aus, Gefühl an, und in vice versa, dem Versuch nach zumindest.

Scheinen sich heute nicht so recht einig zu werden, die beiden. Wie so oft. Oben schwindelts, der Restalkohol pocht mahnend an die Schläfen, unten grummelts, in der Mitte seltsames Wirrwarr. Vertrau deinem Bauchgefühl, höre ich oft sagen, mit einem „aber“ in gleichem Atemzug.

Agiere intuitiv, tu was dein Bauch und dein Herz dir sagen, fühlt sich nur so lange gut an, bis die Vernunft sich einschaltet und versucht dazwischen zu reden.  Und dann erfolgt ewiger innerer Monolog, bis du dich im besten Fall klar entschieden hast – im schlimmsten bist du verwirrter denn je und starrst eben aus dem Fenster. Und suchst nach Antworten im Dunkeln.  

Überlegst, spielst Szenarien durch, nimmst Gedanken und Fäden auf, verwirfst sie wieder, gehst irgendwann ins Bett, starrst weiter ins Dunkel. Mehrmals am Tag haben sowohl  Kopf als Bauch die Schnauze gehörig voll. Du beschließt also, dich kurzzeitig auf der rationalen Seite befindend, „loszulassen“. Welch wundervolle Redewendung. Die leider aber nicht aus einem rational gefassten Entschluss resultieren kann, sondern eben nur dann, wenn du einfach damit beginnst, es zu tun.  

Was tust du also stattdessen? Keilst dich ein in Mauern von Eventualitäten und Inbetrachtziehungen, tauchst in ein Lawinenmeer von Assoziationen, drohst zu ertrinken, mühst dich hin und wieder an die Oberfläche, um nach Luft zu schnappen, siehst die Küste, verlierst sie wieder aus den Augen. Verlierst dich selbst für unbestimmte Zeit, aber Zeit ist in solchen Zuständen sowieso kein messbarer Faktor, scheint sie einerseits nicht zu vergehen und andererseits ist plötzlich Ende der Woche und du hast nichts auf die Reihe gebracht, das du hättest machen müssen. Procrastination.

Drehst dich im Kreis, schwankst torkelnd und unbeholfen, entschlossen unentschlossen, auf Metabenen, Teil der Lösung oder Teil des Problems? Änderst deine Meinung drei bis fünfzehn mal am Tag, ebenso wie das aktuelle Lieblingslied, das deine Stimmung  am ehesten stützt, hängst fest in Zahlensymbolik und philosophischem Gedöhns. Greifst nach Strohhalmen, findest kurz gefühlten Halt, um es dann selbst wieder zu zerreden.

An den Strand gespült von rhetorischen Fragen an dich selbst stehst du nun also in deinem persönlichen Limbus und fragst dich, wer zur Hölle es gewagt hat, dir diesen Nonsense einzusäen. Und wo der rettende Kick bleibt. Vielleicht hilft ja Piaf in Dauerschleife... Wahrscheinlich ist aber der Weg das Ziel. Drehen wir uns also ein bisschen weiter, bis der Kreisel fällt und mit ihm alle Bedenken. Und erfreuen uns in der Zwischenzeit am kleinsten Maß der Produktivität: kathartische ins Leere laufende textliche Momentaufnahmen.

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