Sorry... but I had... life to do!


Bild: fuckyouverymuch.dk

Leben, Uni, Lebenskrisen, Umstrukturierungen, Arbeit, Schaffensprozesse aller Art, doch ungefähre zweihundertdreiundrölfzig Klicks auch in paarwöchiger Abwesenheit können nicht trügen und hier, rastlos, zehn vor zwei nachts, mein Hintern tut weh, weil den ganzen Tag schreiben und head on heavy rotation nun mal auf den Hintern zu gehen scheinen, meldet sich die Autorin, so siehts aus - sogar mit Intention! – zu Wort.

Denn auch zwischen hardcore Softporn-Sexszenen-screenings en masse und sämtlichen sonstigen Überforderungen darf man sich was auf keinen Fall nehmen lassen? Richtig. Einen Film auch mal zwischendurch, just for fun, mit größtmöglicher Abkoppelung jedweder universitärer reizüberflutender Hintergedanken, nein, nicht mal Freud!

Deswegen an dieser Stelle in aller Kürze, Filme. Fürs Kino. Für euch.
Dass Ziemlich beste Freunde es binnen einiger Wochen selbst in der letzten Provinz geschafft hat, Anklang zu finden, ist mir nicht entgangen. Dementsprechend, wofür die Empfehlung? Pro forma. Und ich gebe zu, ich bin gegen Ende eingeschlafen. Nur ein bisschen. Und das liegt nicht daran, dass er mir nicht gefallen hätte, sondern ist vielmehr der traurigen Tatsache geschuldet, dass der Trailer so viel vorwegnahm, ebenso wie begeisterte Bekannte und Nonsense-Facebookposter meinerseits. Was lernen wir daraus? Künftig zu spät ins Kino kommen, Vorschau verpassen, nur die Lagnese-Werbung mit dem knuffigen weiche-Kern-Bär, die nehm ich vielleicht noch mit. Dennoch, und natürlich, ein Film der als Underdog und französische Produktion so unglaublich viele erreicht, hat allein schon deswegen Relevanz. Hinzu kommt der von unterschwelliger Wärme getränkte pechschwarze Humor und die ruhige Anti-Amerikanische Inszenierungsweise. Und damit einhergehend die Frage, ob Arthouse denn jetzt Mainstream wird und was dann die neue Abgrenzung zum Mainstream und ...

Sprechend davon, hoch gehandelt, zurecht Globe-Gewinner und wundervolle Reminiszenz Schrägstrich Hommage an das Stummfilmkino: The Artist. Nachdem ich ja schon letztes Jahr geschrieben hatte über The Mountain, der sich in alte Tradition einreiht, dabei aber weniger an die Öffentlichkeit gelang, nun: Ein schwarzweißer Stummfilm über einen Stummfilmstar, der sich weigert, Tonfilme zu machen. Filmreflexivität per excellence, nicht zuletzt in einer Szene, in der der Protagonist davon träumt, plötzlich überall Ton wahrzunehmen, nur selbst eben keinen solchen herausbringt. Und auch der Hund, der quasi tragende Nebenrolle in seinen Filmen hat im Film, kommt nicht zu kurz. Im eigentlichen Film. Kurzum, in einer Zeit, in der Stummfilme mehr gemieden denn gesehen werden, ein Experiment, dass es sich allemal zu sehen lohnt, auch in Anbetracht der Selbstbetrachtung des rezeptiven Prozesses. Denn es sitzt sich auf jeden Fall ungewohnt anders im Saal. Und das Kauen der Nachos kam mir unheimlich laut vor. Ungeachtet dessen: umwerfende, 30er-Jahre-Charisma-versprühende Darsteller, im Film wie im Film im Film, von der Ästhetik ganz zu schweigen, wir dürfen gespannt sein auf die Oscarverleihung.

Last but not least, ein Vorausblick auf Steve McQueens The Shame (Ab 1. März), der in Venedig schon für aufsehen sorgte und gleichwohl bedrückend wie steril  und desillusionistisch ist. Brandon, verkörpert von Michael Fassbender, ist der 2011er Ableger von American Psycho Patrick Bateman – genauso gestört, ähnlich pervers – aber „nur“ auf sexueller Ebene, das Morden bleibt aus. Und das reicht auch schon, um das unterkühlte entindividualisierte und emotionslose Dasein eines New Yorker Geschäftsmannes zu zeichnen, der mit seinem Leben nicht klar kommt. Und ob er das wird, oder ob es wie in American Psycho mit einem „No exit“ endet, davon überzeugt ihr euch lieber selbst.

Gerade findet die Berlinale statt. Noch ohne mich dieses Jahr. 

Mein Hintern und ich, wir haben nämlich wahnsinnig viel zu tun diese Woche. Und gehen jetzt schlafen. 

In Time



Bild: sf-fan.de
Oft gehört, allgemein bekanntes geflügeltes Wort: Zeit ist Geld. In Timberlakes neuestem von Fox so beworbenen Action-Thriller „In Time“ ist Motto gleich Programm: Zeit ist begrenzt, Währung, Mittel und Zweck sowie Mittel zum Zweck in einem. Die Lebensdauer jedes Menschen beträgt von Geburt an vorprogrammiert 26 Jahre, mit 25 hören sie auf zu altern. Ihnen bleibt ein Jahr, ehe die Uhr abläuft - jede darüber hinausgehende Sekunde wird erarbeitet, erkauft, hin- und hergeschoben. Per Handschlag wird bezahlt, Hände leicht gedreht, schon sieht man die digitale Zeitanzeige am linken Arm sich füllen oder leeren, toktoktoktok, Pulsschlag gleich Sekundenzeiger, verbleibender Kontostand gleich Lebenserwartung.

Vermuten könnte man nun hinter solch Grundgedanken eine tiefgreifende philosophisch-sci-fi-Matrix-artige Umsetzung des Themas. Dass dies nicht der Fall ist, sondern die Bezeichnung „Action-Thriller“ schon recht gut trifft, macht aber nichts. Ungeachtet dessen, dass mehr Action und weniger Thriller, denn zugegebenermaßen, der Thrill haut nicht gerade um, ist es doch recht unterhaltsam, Justin und seiner Gefährtin Sylvia (Amanda Seyfried) beim Wettlauf gegen die Zeit zu beobachten.

Timberlake aka. Will Salas bekommt von einer des Lebens überdrüssigen Bekanntschaft ein Jahrhundert geschenkt und flieht daraufhin vor den „Time-Keepern“, die ihn des Mordes verdächtigen. In einem Reichenviertel/Reichenzeitzone schafft er es, sich beim Pokern noch ein paar Jahrhunderte dazu zu gewinnen, muss aber Sylvia als Geisel nehmen, um fliehen zu können. So kämpfen sie gegen den Ablauf ihrer Zeit, natürlich immer bis sprichwörtlich kurz vor zwölf, und (so Fox) „ihre Liebe wird zum wichtigsten Instrument im Kampf gegen das korrupte System“. Dass zwischen den beiden Protagonisten etwas entsteht und entstehen muss, ist von vornherein klar – die Glaubwürdigkeit einer Liebesbeziehung lassen wir mal außer Acht, denn darum geht es hier schließlich nicht. Und eigentlich auch nicht darum, dass Sylvia als Tochter des Zeit hortenden Oberchefs zusammen mit Salas zum zeitverteilenden Bonnie und Clyde/Robin Hood-Pärchen avanciert.

Worum geht es denn dann eigentlich? Um den simplen Plotbaustein „Rennen, Zeit, Verfolgung“ eines actiongeladenen Streifens mit gutaussehendem, laufenden und nicht gerade doofen Hauptdarsteller, der hübsches Mädchen an der Hand mitschleift. Das kann nun ein James Bond, Bruce Willis, Colin Farrell oder sonst wer sein,  die Komponente Zeit währenddessen in Verkörperung einer Bombe, eines Entführers, ach Weltuntergangs, sei es drum. Es ist immer eine Zeit, die abläuft, und immer ist es der Zuschauer, der mit klopfendem Herz hofft, dass dies vereitelt wird. Zeitlos macht dies einen Film sicherlich nicht, als netter Zeitvertreib erfüllt er aber seinen Zweck.


Let’s start a revolution from our beds


Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu, in 30 Stunden ist 2011’s letztes Stündlein geschlagen. Mein persönliches Lieblingswort diesen Jahres: eindeutig Selbstreflexion. Naturgemäß geht jeder Mensch dieser, gerade jetzt, zur Zeit des Jahreswechsels, nach. Man beschäftigt sich damit, was man in den letzten zwölf Monaten erreicht und versäumt hat, zieht Bilanz, rekapituliert, begleicht Rechnungen oder nimmt sich vor, einige im nächsten Jahr zu begleichen, nicht zu vergessen, mehr Sport, weniger Alkohol, etc.

Interessanterweise scheint sich, wenn man sich ein wenig umhört, eine gewisse Melancholie breit zu machen. Ein Fin de Siècle-Gefühl, wenn man mich fragt. Damals war es eine Jahrhundertwende, für damalige Verhältnisse rasanter Fortschritt und Industrialisierung, neue Erkenntnisse in Physik, Biologie und Psychoanalyse, die die Menschen ermüden ließen. Ermüdung und Erschöpfung, Nervosität bis hin zu Hysterie, waren um 1900 die Schlagworte. Physikalische Begrifflichkeiten der Kraft und Energie wurden übertragen auf den Menschen, dessen Energie wiederum in Anbetracht der unaufhaltsamen Modernisierung erschöpfbar schien.

Was hat sich nun, bezogen auf diesen vorletzten Tag im Jahr 2011 geändert? In der Grundstimmung so ungefähr gar nichts. Nur nennt sich das kollektive fed up-Gefühl heute Burn out. Waren es damals Eisenbahnen und Nervensysteme, die Mensch flashten, das Wachstum von Großstädten – diese Schnelligkeit erscheint uns heute als Slow Motion. Wir haben das Internet, Autobahnen, Fast Food, One Night Stands, ein Leben auf der Überholspur. So lange, bis wir meinen, mal wieder „ausgebrannt“ zu sein und uns den nächsten Wellness-Trip buchen.

Freuds eingeführte Sprech-Therapie ist lange schon salonfähig, und wer den Weg zum Therapeuten noch nicht gefunden hat, analysiert sich eben selbst mittels Wikipedia oder kauft sich Globulis beim Homöopathen. Damalige Krisenstimmung ist auch heute noch präsent, Wirtschaftskrise, okkupieren wir halt, schrei nach Revolution, was wir ändern wollen, wissen wir aber selber nicht. Aus dem Dandy des 18ten Jahrhunderts wird der Hipster, aus der Hysterikerin die Drama-Queen, ja, wir sind alle totale Individualisten. Wie man also sieht, haben wir uns nicht nur technisch, nein auch menschlich, total weiterentwickelt.

Übersehen hierbei aber, dass das was passiert, eben nichts Neues ist. Merkmal der Postmoderne, oder sagen wir, unserer aktuellen Moderne ist es nun mal, Altes aufzugreifen und neu zu verwerten – sei es in Film, Kunst oder Mode. Und mit Sicherheit lässt sich selbstreflexives Krisengedöhns ebenso wie die Ermüdung von aktuellen Gegebenheiten nicht nur in jedem Jahrzehnt, sondern wohl auch subjektiv im Einzelnen jedes Jahr aufs Neue wiederfinden. Genauso die Gegenopposition der Freigeister, die für mehr Positivität dagegenhält. Warum also überhaupt so viel reflektieren, wenn der Gesamtzusammenhang uns epochal doch sowieso erst auf dem Sterbebett einleuchtet?

Die desillusionistische Tendenz im Fin de Siècle führte damals in den ersten Weltkrieg, zerstöre Altes, baue Neues auf, überzogen formuliert. Der Ansatz wäre heute vielleicht– vom Globalen zum Einzelnen - gar nicht verkehrt, starten wir also, mit besten Vorsätzen versehen, ermüdet, a revolution from our beds: Eine Revolution in uns selbst.


Kopf vs. Bauch


Bild: fuckyouverymuch.dk

„Hör auf zu denken!“ denke ich mir und mache trotzdem weiter. Oder gerade deswegen. Oszillierend zwischen stream of consciousness und Leerlauf starre ich aus dem Fenster, kalter Rauch steigt aus dem Aschenbecher, draußen ist es dunkel, in meinem Kopf auch, Birne aus in der Birne. Wo das rettende Lämpchen darüber? Klick, Kopf aus, Gefühl an, und in vice versa, dem Versuch nach zumindest.

Scheinen sich heute nicht so recht einig zu werden, die beiden. Wie so oft. Oben schwindelts, der Restalkohol pocht mahnend an die Schläfen, unten grummelts, in der Mitte seltsames Wirrwarr. Vertrau deinem Bauchgefühl, höre ich oft sagen, mit einem „aber“ in gleichem Atemzug.

Agiere intuitiv, tu was dein Bauch und dein Herz dir sagen, fühlt sich nur so lange gut an, bis die Vernunft sich einschaltet und versucht dazwischen zu reden.  Und dann erfolgt ewiger innerer Monolog, bis du dich im besten Fall klar entschieden hast – im schlimmsten bist du verwirrter denn je und starrst eben aus dem Fenster. Und suchst nach Antworten im Dunkeln.  

Überlegst, spielst Szenarien durch, nimmst Gedanken und Fäden auf, verwirfst sie wieder, gehst irgendwann ins Bett, starrst weiter ins Dunkel. Mehrmals am Tag haben sowohl  Kopf als Bauch die Schnauze gehörig voll. Du beschließt also, dich kurzzeitig auf der rationalen Seite befindend, „loszulassen“. Welch wundervolle Redewendung. Die leider aber nicht aus einem rational gefassten Entschluss resultieren kann, sondern eben nur dann, wenn du einfach damit beginnst, es zu tun.  

Was tust du also stattdessen? Keilst dich ein in Mauern von Eventualitäten und Inbetrachtziehungen, tauchst in ein Lawinenmeer von Assoziationen, drohst zu ertrinken, mühst dich hin und wieder an die Oberfläche, um nach Luft zu schnappen, siehst die Küste, verlierst sie wieder aus den Augen. Verlierst dich selbst für unbestimmte Zeit, aber Zeit ist in solchen Zuständen sowieso kein messbarer Faktor, scheint sie einerseits nicht zu vergehen und andererseits ist plötzlich Ende der Woche und du hast nichts auf die Reihe gebracht, das du hättest machen müssen. Procrastination.

Drehst dich im Kreis, schwankst torkelnd und unbeholfen, entschlossen unentschlossen, auf Metabenen, Teil der Lösung oder Teil des Problems? Änderst deine Meinung drei bis fünfzehn mal am Tag, ebenso wie das aktuelle Lieblingslied, das deine Stimmung  am ehesten stützt, hängst fest in Zahlensymbolik und philosophischem Gedöhns. Greifst nach Strohhalmen, findest kurz gefühlten Halt, um es dann selbst wieder zu zerreden.

An den Strand gespült von rhetorischen Fragen an dich selbst stehst du nun also in deinem persönlichen Limbus und fragst dich, wer zur Hölle es gewagt hat, dir diesen Nonsense einzusäen. Und wo der rettende Kick bleibt. Vielleicht hilft ja Piaf in Dauerschleife... Wahrscheinlich ist aber der Weg das Ziel. Drehen wir uns also ein bisschen weiter, bis der Kreisel fällt und mit ihm alle Bedenken. Und erfreuen uns in der Zwischenzeit am kleinsten Maß der Produktivität: kathartische ins Leere laufende textliche Momentaufnahmen.

Über das Kommentierverhalten großspuriger Kleinstädter


Bild: http://neunzehn80.de/2011/03/04/facebook-like-button-mal-anders/

Was wäre unser Ego nur ohne Facebook. Soeben sah ich die neue Frisur sowie Haarfarbe einer Bekannten mit sage und schreibe 111 Kommentaren. Ich war geplättet. Was mag sich hinter einer solchen Zahl wohl geistreiches verbergen? – fragte ich mich und klickte neugierig auf „see more“. Gimme gimme more? Hätte ich es mal lieber gelassen und mich mit wirklich wichtigen Dingen beschäftigt, die ich aber ja sowieso aufschiebe, weil Facebook immer was von mir will. Beim Überfliegen der Kommentare also, nennen wir es ein einige Minuten währendes Selbstexperiment -wie lange wird mein Intellekt wohl aushalten, bis es schreiend sich abwendet, zur Beruhigungszigarette und zum französischen Drehbuchlektorat greift? – lernte ich soeben, dass Kommentar auch mit „Kommi“ abgekürzt werden kann und fand das äußerst fesch.

Nun, dass Facebook-Geposte ebenso wie Kommentiere eine einzige große Selbstbeweihräucherung ist, ist nichts Neues. Mit jedem Like ein Egoboost für dein Gesicht, deine Titten, deine neuen Schuhe, deine Originalität und wohlüberlegte Individualität, deinen Esprit, deinen Witz, deine Meinung. Viel Raum für dosierte überlegene Überlegungen oder etwa Philosophisches ist da nicht, geht ja sowieso unter zwischen Everyday-Bullshit arbeitender Menschen, die keine Lust haben oder ähnlichem, ja, mittlerweile geht es sogar schon soweit, dass geschrieben wird „Oh ich habe Lust etwas zu posten aber ich weiß grad nicht was, haha!“

Ja, haha. Und wir alle lesen mit. Millionen Trillionen von Terrabytes an Scheiße und Kloake in den Kanalisationen meiner Gehirnwindungen. Ich kann nicht mal was dafür! Ich überfliege das Gepostete in der Hoffnung auf etwas zu stoßen, das mir wirklich mal gefällt! Interessante Info von einem Mitmenschen, mit dem ich nichts zu tun habe, her damit! Damit ich es im Chat gleich dem nächstbesten kopieren kann! Stattdessen ein Post mehr über das Wetter oder die Katze. Ja, unter meinen Freunden befindet sich eine Katzenfreundin/-fanatikerin. Ich weiß jetzt, dass ihre Katze in ihrer Heimatstadt viel leichter ist als die, die sie in ihre neue Stadt mitgenommen hat. Warum ich mir das merke?? Warum ich das überhaupt lese?? Einerseits ist es natürlich eine gewisse Neugier, die einen vom Blockieren abhält. Das ist wie bei einem Autounfall. Wir voyeuristische, schaulustige Scheißmeute! Mit großen Augen betrachten wir diese geistige Massenkarambolage und stehen aber nur dabei und gaffen weiter.

Wobei, ab und zu mache ich mir einen kleinen Spaß draus und kommentiere ein bisschen frech von links. Vielleicht auch rechts. Ganz nach Laune. Mit Ironie ein wenig Salz in die Wunde, zur eigenen Belustigung, versteht ja sowieso keiner, außer die eine gemeinsame Freundin, die kichernd meinen Kommentar likt. Womit wir unserer eigenen Erhabenheit fröhnen und uns imaginär High-Five über die Köpfe der Anderen hinweg geben. Das mit den Kommentar-Likes nimmt, davon sprechend, aber auch seltsame Eigendynamik an. Man betrachte erwähnte, in der Zwischenzeit 117, Frisuren-Kommentare. Jeder Kommentar ein Treffer. Oooooh soooo hüüüüüpschiiiiii Herzchen Herzchen Herzchen Zwinker Zwinker! Hab dich lieb! Essentiell und unerlässlich ist bei solchen Kommentargefechten auf jeden Fall, ungeschriebenes Facebook-Gesetz: der letzte Kommentar gefällt. Grundsätzlich! Die eins am Ende des Verlaufs markiert selbiges Ende.

Gleich laufe ich Amok und fange einfach mal an, bei allem „Gefällt mir“ zu drücken. Schade nur, dass niemand es verstehen wird. Oder es mir noch krumm nehmen könnte. Der Grat zwischen Bosheit, Hinterfotzigkeit und zwinkernder Ironie, zwischen ernst und (sich) zu ernst nehmen, zwischen Gefallen und Gefallsucht, zwischen Ton, Unter-, Überton, Verständnis von Humor, scheint mitunter ein schmaler. Wer das jetzt verstanden hat, gibt mir einfach mal Low Five.




Der Gott des Gemetzels


Bild: spielfilm.de

Vier Schauspieler – Christoph Waltz, Kate Winslet, Jodie Foster, John C. Reilly, eine Wohnung, oder sagen wir, Bühne (nach dem Stück von Yasmina Rezas) – können auch mal reichen. Kein 3D, kein übertriebenes Setting, kein überflüssiger Schnickschnack, kein „Wischi-Waschi“: die Dialoge und Schauspieler müssen genügen.

Und wie sie das tun. Zwei Oppositionen, high-class-work-fidelity und Mittelklassen-Durchschnitts-Kunstliebhaber-Bürger, die aufeinandertreffen, um sich auszusprechen, da Sohn der Ersteren dem Sohn der Zweiteren die Schneidezähne, bewaffnet, nein sagen wir, bestückt, mit einem Ast, ausgeschlagen hat. Entschuldigungen, Versicherungen, und die Sache ist vom Tisch, so sollte man meinen. Auf den Tisch kommt im Verlaufe des eigentlichen Schlichtungsversuchs aber die ein oder andere Sache mehr.

Denn anstatt zu schlichten, verrennen sich beide Paare, gleichwohl wie der Zuschauer hineingezogen wird, immer mehr in einen Strudel von Unterstellungen, Schuldzuweisungen, Vorurteilen, irgendwann auch Alkohol. Jedoch verliert der Film, (oder: das Stück, das Kammerspiel - denn sein Ursprung lässt sich auch mit filmischer Umsetzung, Kameraführung und Schnitt, nicht leugnen) trotz konfliktgeladener Dialektik an keiner Stelle seinen Humor. Höchst pointiert und auf den Punkt gebracht bleibt dem Zuschauer nichts anderes, als der Farce zu folgen.

Eine Farce, die nur durch das Schauspiel getragen werden kann und wird. Waltz, grandios, wie man ihn kennt, stellt sein über allem stehendes Lächeln zur Schau, wenn er nicht gerade das Gespräch für ein Telefonat unterbrechen muss und lässig am nächstgelegenen Mobiliar lehnt. Reilly, das Gesicht, das man meint von irgendwoher zu kennen, aber man weiß nicht mehr aus welchem Film ... mutiert von zuvorkommendem Gastgeber zum selbsternannten Choleriker. Winslet dekonstruiert ihr gestrigeltes Stewardess-look-a-like-Auftreten herrlich bis hin zum betrunken säuselnden. Und die Foster bricht endlich mal aus – selten stand einer Schauspielerin Altern so gut.

Jeder der vier Protagonisten ist mal Gewinner, mal am Boden liegender Verlierer. Opfer seiner Ehe, seines Lebenswandels, seiner eigenen Einstellung. Reihum verbünden sich zuerst die Partner, dann switcht es wieder ... und der Zuschauer mit. Es erfolgt im Laufe des Films eine Identifikation mit jedem einzelnen Charakter – Empathie und Antipathie gleichermaßen. Bei einer solchen Konstellation kann es letztlich keinen Gewinner oder Verlierer geben. Am Ende gewinnt – der Kinogänger selbst.



...Aber...Füchse sind doch gar keine Rudeltiere!


"Du hast mich neulich Nacht vier mal durchgevögelt, David! Du warst in mir! Ich hab deinen Sperma geschluckt! Das bedeutet doch etwas! ... Es war ein Versprechen!“ so, oder so ähnlich Cameron Diaz Ausbruch, bevor sie ihr Auto samt Tom Cruise in „Vanilla Sky“ eine Brücke runterfährt. Die Ausgangsposition: sie, sein Fuck-Buddy, hatte sich mehr erhofft. Und nahm körperliche Nähe als Versprechen für geistige.

Die Frage dabei ist doch – wann beginnen wir unversehens damit, „Versprechungen“ abzugeben? Vielleicht sogar, „verantwortlich“ zu sein für jemand? Bei der Knutscherei im Club,  beim nächtlichen Wälzen danach, bei Sperma in den Haaren? Vermutlich ja wohl nicht. Sollte besagte Ausgangsposition in diesem Fall ja wohl auf beiden Seiten klar auf der Hand liegen. Denn, man kennt sich nicht, man lässt sich leiten, Performance-Art, just for fun.

Und, von dem schweren Wort „Verantwortung“ sprechend, sind wir ja letztlich in unserem Tun immer allein verantwortlich für uns selbst. Unser Leben, unsere Entscheidung, unsere Konsequenzen. Wir als die Hauptakteure unserer Bühne, unseres Laufstegs, scheiß aufs Publikum, die verfaulten Tomaten fangen wir mit links. Mit „Verantwortung“ soll nun aber auch nicht gemeint sein, dass wir uns ständig selbst kasteiend durch die Gegend laufen sollten und über alles und jeden Sorgen machen. Verantwortung „tragen“, auf den Schultern, niederdrückend – ist zwischenmenschlich, ob nun zwischen Männlein und Weiblein, oder in guten Freundschaften, auf Dauer für niemanden tragbar.

Um es aber mal mit dem Fuchs des kleinen Prinzen zu sagen: bei nichtsbedeutenden Begegnungen hat man die Möglichkeit, zu zähmen. Erst wagt man sich auf eine gewisse Distanz hinweg näher hin. Jeden Tag. Langsam gewöhnt sich der Fuchs an diese Anwesenheit, und lässt mit jedem weiteren Tag ein wenig näher. Bis man den Fuchs gezähmt hat und er immer darauf warten wird, wann du, der kleine Prinz, wieder kommen wirst. Laut Fuchs und Antoine de Saint-Exupéry beginnt hiermit dann, was eigentlich gemeint war: Verantwortung.

Verantwortung nämlich dafür, was aus deinem Verhalten resultiert, wenn du nicht frühzeitig weißt, was du tust, oder gar die Notbremse ziehst. Wenn jemand nach durchzechter Nacht und paarstündiger Bekanntheit „bis morgen!“ säuselt, musst du offensichtlich was falsch gemacht haben: du hast deine Grenze verkannt oder nicht deutlich genug gemacht. Wie Shirley Smith in „Wege in die Freiheit“ schreibt:  „Eines dürfen Sie dabei allerdings nicht vergessen. Obwohl Sie nicht für die Reaktionen anderer Menschen verantwortlich sind, müssen Sie sich doch der Auswirkung bewusst werden, die ihr Verhalten auf Andere hat. Wenn Sie jemanden kränken, sind Sie dafür verantwortlich und schulden ihm Abbitte. Nehmen Sie einmal an, jemand behandelt Sie mit Schweigen und ignoriert sie offensichtlich. Sie teilen ihm mit, dass Sie sich von diesem Verhalten verletzt fühlen. Der Andere sagt, Sie haben sich ihre eigene Wirklichkeit geschaffen (dies ist eine beliebte Entschuldigung bei New Age Anhängern). Wenn jemand einen anderen Menschen körperlich, sexuell, intellektuell, emotional oder spirituell missbraucht, ist er dafür verantwortlich. Nur durch die Entwicklung gesunder Grenzen werden Sie fähig, die Grenzen anderer zu respektieren und gesunde Beziehungen aufzubauen.“

Es geht um das Bewusstsein, dass Grenzen nun mal immer fifty-fifty sind. Gut, die Ossis nahmen es damals teilweise nicht so genau. Ein bisschen schmuggeln geht schon. Ein bisschen Mauer einreißen vermutlich auch. Ein bisschen übertreten, ein bisschen „eigene Wirklichkeit“ erschaffen wohl nur dann, wenn der Grenzpatron es lässt. Eigentlich sollte doch aber bei Zuwiderhandeln sofort jemand laut „Stop!!!“ rufen und dir seinen kalten Lauf in den Nacken drücken, sodass es dich schüttelt und du sofort verharrst. Auch Missbrauch obliegt in solcher Situation der Verantwortung aller Beteiligten: Der Eine macht, der Andere lässt, vielleicht weiß es in dem Moment keiner besser. Eher wahrscheinlich aber ist, dass Kommunikation trotz ständiger Reizüberflutung eine Sache ist, die uns ein bisschen abhanden gekommen ist. Der Fuchs und der Prinz, die hatten das noch drauf, in Antoines Phantasie, damals.

Und was sagte der Fuchs bei des Prinzen Einwand, was denn wäre, wenn er irgendwann nicht mehr kommt? Der Fuchs hatte nämlich, davon abgesehen, noch etwas, das vielen heutzutage verloren gegangen ist: Eine positive Weltanschauung. Er meinte: Ja, ich werde traurig sein. Aber dann habe ich die Farbe des Weizens gewonnen!